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Gesundheitsexperten fordern Steuer auf zuckrige Getränke

Jonny Caspari on Unsplash

Lebensmittelindustrie verweist auf erste freiwillige Reduzierung

Berlin (AFP) – Gesundheitsexperten fordern mit Nachdruck eine Steuer auf zuckergesüßte Erfrischungsgetränke. “Wenn wir die gesundheitlich bedenklich hohen Zuckerzusätze senken wollen, kommen wir mit Appellen nicht mehr weiter”, erklärten am Dienstag der AOK-Bundesverband, der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) sowie die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) beim Zuckerreduktionsgipfel in Berlin. “Jetzt braucht es weitere verbindliche Instrumente”, forderte AOK-Chef Martin Litsch. “Eine Herstellerabgabe würde das leisten.” Die Experten fordern zudem ein gesetzlich verankertes Werbeverbot für überzuckerte Kinderlebensmittel.

Kinder und Jugendliche trinken im Durchschnitt bis zu einem halben Liter zuckergesüßte Erfrischungsgetränke pro Tag, wie BVKJ-Vizepräsidentin Sigrid Peter erklärte. Im Europavergleich liege Deutschland damit auf dem dritten Platz. Das sei erschreckend. Die Einnahmen aus einer Steuer könnten zweckgebunden beispielsweise in den Schulsport oder in eine gesunde Gemeinschaftsverpflegung in Kitas und Schulen investiert werden, schlug Peter vor.

DDG-Präsidentin Monika Kellerer kritisierte die Bundesregierung, die bislang über freiwillige Vereinbarungen mit der Lebensmittelindustrie den Gehalt an Zucker, Fetten und Salz in vielen Fertiggerichten bis 2025 erreichen will. Die freiwilligen Verpflichtungen seien “leider unzureichend, um eine messbare und zielführende Zuckerreduktion zu erreichen”.

Großbritannien zum Beispiel habe “eindrucksvoll” bewiesen, welche Erfolge gerade bei Softdrinks mit steuerlichen Anreizen erreicht werden könnten. Dort war 2018 eine Steuer auf Getränke mit einem Zuckergehalt ab fünf Gramm pro 100 Milliliter erhoben worden. In den vergangenen zwei Jahren passten viele Hersteller die Rezepturen an, sodass der durchschnittliche Zuckergehalt in Erfrischungsgetränken den Angaben zufolge um etwa 34 Prozent auf 2,9 Gramm pro 100 Milliliter zurückging. In Deutschland dagegen sei der Zuckergehalt bei regulären Limonaden durchschnittlich um 0,16 Gramm von 9,08 Gramm Zucker pro 100 Milliliter auf 8,92 Gramm gesenkt worden.

Die Verbraucherorganisation Foodwatch forderte Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) zum Handeln auf. “Solange Frau Klöckner sich weigert, ernsthafte Maßnahmen zu ergreifen, nimmt sie Todesfälle durch zu viel Zucker, Fett und Salz in unseren Lebensmitteln in Kauf.” Fast jeder fünfte Todesfall in Deutschland könne auf ungesunde Ernährung zurückgeführt werden.

Der parlamentarische Staatssekretär im Ernährungsministerium, Hans-Joachim Fuchtel (CDU), nannte den Vorwurf von Foodwatch “geschmacklos”. Der Organisation gehe es nur noch um die schnelle Schlagzeile.

Auch die inhaltlichen Aussagen der Verbände träfen nicht zu: Gerade das Beispiel Großbritannien zeige, dass Verbraucher durch eine sogenannte Limo-Steuer insgesamt nicht zwangsläufig weniger Zucker und Energie aufnehmen. “Sie weichen aus auf andere zuckerhaltige Produkte. Deshalb verfolgen wir mit der Reduktionsstrategie für Zucker, Fett und Salz in Fertigprodukten einen ganzheitlichen Ansatz”, erklärte Fuchtel.

Der Spitzenverband der Lebensmittelwirtschaft betonte, ein erster Monitoringbericht zeige, dass die Lebensmittelwirtschaft die durchschnittlichen Zucker- bzw. Energiegehalte bereits “signifikant” gesenkt habe. “Diese Ergebnisse sollten anerkannt und vor dem Hintergrund des vereinbarten Zeithorizonts bis zum Jahr 2025 bewertet werden”, erklärte der Lebensmittelverband. Er kritisierte, dass die AOK selbst an der Vereinbarung mitgewirkt habe, die sie jetzt kritisiere.

Zudem habe die AOK in ihrer Familienstudie selbst festgestellt, dass 90 Prozent der Kinder unter Bewegungsmangel leiden, erklärte Hauptgeschäftsführer Christoph Minhoff. “Ich bin erstaunt, dass die AOK keine Steuer auf bewegungsfeindliche Freizeitbeschäftigungen wie Videospiele fordert.” Minhoff kritisierte die “unablässige Beschäftigung einer Krankenkasse mit politischen Ernährungsthemen” – sie sei “eigentlich zur politischen Neutralität verpflichtet”.

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