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Geflüchtete als Fachkräfte in der Pflege

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Mitarbeitermangel und Diversität: Fatima Meyer-Hetling und Dr. Andrea Kuckert-Wöstheinrich im Interview für das 35. CSR MAGAZIN

Neuss (csr-news) – Geflüchteten Menschen eine berufliche Perspektive zu bieten: Dieses Ziel setzte sich die St. Augustinus Gruppe, ein an 85 Standorten vertretener Anbieter von medizinischen und sozialen Dienstleistungen, als sie vor vier Jahren ein Integrationsprojekt startete. Worum es genau geht, erklären Fatima Meyer-Hetling, Mentorin für Geflüchtete, und die promovierte Ethnologin Andrea Kuckert-Wöstheinrich aus der Unternehmensentwicklung im Interview.

  • Wie und wann entstand die Idee, geflüchteten Menschen eine berufliche Perspektive zu bieten?
  • Wie haben Sie diese Ziele konkret umgesetzt?
  • Frau Meyer-Hetling, Sie sind seit 2016 als Mentorin für Geflüchtete in der St. Augustinus Gruppe tätig. Diese Stelle wurde damals neu geschaffen. Warum war das so wichtig?
  • Wie entsteht der Kontakt zu geflüchteten Menschen, für die eine berufliche Qualifizierung im Gesundheitswesen in Frage kommt?
  • Sprachliche und kulturelle Kompetenzen werden zwei Voraussetzungen für die berufliche Integration im Gesundheitswesen darstellen. Was leisten Sie an dieser Stelle, was leisten andere?
  • Welche Voraussetzungen – personell, kulturell und mit Blick auf die Ressourcen – müssen in einem Unternehmen geschaffen werden, um geflüchtete Menschen beruflich erfolgreich integrieren zu können?
  • Gibt es im Bereich Gesundheit/Pflege besondere Herausforderungen und Chancen für die Integration Geflüchteter?
  • Worin liegen aus der Perspektive eines geflüchteten Menschen die Herausforderungen, eine solche berufliche Qualifizierung zu starten und erfolgreich abzuschließen? Was sind Hürden? Was unterstützt?
  • Ohne eine soziale Integration wird auch eine berufliche Integration schwerfallen. Haben Sie auf Erstgenanntes einen Einfluss?
  • Können Sie Beispiele nennen, bei denen die Integration – beruflich wie sozial – erfolgreich funktioniert hat?
  • Welche „Lessons Learned“ aus Ihren Projekten können Sie anderen Unternehmen mitgeben?
  • Wie geht es bei Ihnen in der St. Augustinus Gruppe weiter – jetzt, nachdem Ihr Projekt abgeschlossen ist?

Fatima Meyer-Hetling und Andrea Kuckert-Wöstheinrich im Interview

Wie und wann entstand die Idee, geflüchteten Menschen eine berufliche Perspektive zu bieten?

Dr. Andrea Kuckert-Wöstheinrich: Als es 2015 in Deutschland zu der Situation kam, dass sehr viele Geflüchtete zu uns ins Land kamen, wussten wir, dass wir nun unbedingt aktiv werden müssen. Überlegungen, Menschen mit Migrationshintergrund eine berufliche Perspektive zu bieten, gab es aber schon lange zuvor. Zum einen, um dem Fachkräftemangel in der Pflegebranche entgegenzuwirken, zum anderen, um das Thema Diversity – also die kulturelle Vielfalt – adäquat im Unternehmen  voranzutreiben.

Wie haben Sie diese Ziele konkret umgesetzt?

Kuckert-Wöstheinrich: Wir haben Geflüchteten die Chance geboten eine berufsqualifizierende Maßnahme zum Alltagsbegleiter für Menschen mit Demenz zu absolvieren. Ein erfolgreiches Projekt, das über drei Jahre lief und das wir nun abgeschlossen haben. Geflüchtete konnten dadurch an die Arbeitswelt herangeführt werden, Wissen über das deutsche Gesundheitssystem, über Grundlagen der Pflege, Hygiene und Gerontopsychiatrie erlernen und im besten Fall eine Ausbildung anschließen.

Frau Meyer-Hetling, Sie sind seit 2016 als Mentorin für Geflüchtete in der St. Augustinus Gruppe tätig. Diese Stelle wurde damals neu geschaffen. Warum war das so wichtig?

Fatima Meyer-Hetling: Die Herausforderungen, vor die Geflüchtete vor ihrem Eintritt ins Berufsleben gestellt werden, sind groß. Da ist es unabdingbar, dass ihnen jemand, der tief in diesem Themengebiet steckt, zur Seite steht – sei es bei Behördengängen, beim Einholen von Genehmigungen oder beim Ausfüllen von Formularen.

Wie entsteht der Kontakt zu geflüchteten Menschen, für die eine berufliche Qualifizierung im Gesundheitswesen in Frage kommt?

Meyer-Hetling: Ganz wichtig hier ist ein breites Netzwerk. Wir verfügen über viele Kontakte zum Beispiel zu Integrationslotsen, zu Einrichtungen für Geflüchtete, Sprachschulen und Jugendämtern. Über dieses große Netz entstehen letztendlich die Verbindungen zu den Geflüchteten.

Kuckert-Wöstheinrich: Wir sind sehr stolz, dass wir unsere Kurse mit jeweils zwölf bis 15 Teilnehmern immer voll bekommen haben. Auch unser Ergebnis kann sich sehen lassen: Insgesamt 61 von 69 Geschulten haben ein Zertifikat von uns bekommen.

Sprachliche und kulturelle Kompetenzen werden zwei Voraussetzungen für die berufliche Integration im Gesundheitswesen darstellen. Was leisten Sie an dieser Stelle, was leisten andere?

Kuckert-Wöstheinrich: Sprachkurse sind für Geflüchtete, die im Berufsleben Fuß fassen wollen, essenziell und werden unter anderem vom Bundesamt für Migration finanziert. Bei unserem Projekt war das Niveau B1 Voraussetzung, um überhaupt starten zu können. Kulturelles Wissen zu vermitteln ist ausdrücklich nicht Gegenstand unserer Qualifizierungsmaßnahme.  Wichtig ist hier vielmehr eine ganz offene Kommunikation. Unsere Kollegen in den Einrichtungen mussten lernen, auch Geflüchteten Fragen zu stellen und, wenn nötig, Grenzen aufzuzeigen – wie bei jedem anderen Berufseinsteiger auch. Das trauten sich die ein oder anderen nicht, da Geflüchtete oft traumatische Erlebnisse hatten.

Meyer-Hetling: Dabei ist es ganz wichtig, Geflüchtete nicht in Watte zu packen. Nur so lernen sie, selbstständig zu sein. Unsere Aufgabe ist es, sie zu fördern, damit sie später auch ohne Hilfe gut im Alltag zurechtkommen.

Kuckert-Wöstheinrich: Genau deshalb haben wir im Vorfeld unserer Maßnahme alle Mitarbeitenden schulen lassen – damit sie möglichst wertfrei und wertschätzend in die Zusammenarbeit mit Geflüchteten gehen konnten. Später haben wir diese Schulungen ausgeweitet, sodass die Berufseinsteiger auch daran teilhaben konnten. Diese Entscheidung erwies sich als goldrichtig, da Geflüchtete und Mitarbeitende gleich zu Beginn viel voneinander lernten.

Welche Voraussetzungen – personell, kulturell und mit Blick auf die Ressourcen – müssen in einem Unternehmen geschaffen werden, um geflüchtete Menschen beruflich erfolgreich integrieren zu können?

Kuckert-Wöstheinrich: Ganz wichtig ist es, jeden Einzelnen als Menschen wahrzunehmen. Weg von den Labels und den Kategorien. Es ist notwendig, sich auf jede Person neu einzulassen, ohne Vorurteile durch Erfahrungen, die man mit anderen Menschen mit Migrationshintergrund gemacht hat. Diese Einstellung kann sich in einem Unternehmen aber nur durchsetzen, wenn sie gelebt wird.

Meyer-Hetling: Je mehr positive Beispiele von Geflüchteten im Berufsalltag wir im Unternehmen erlebt haben, desto höher ist dann auch die Akzeptanz. Jeder Bewerber bekommt eine Chance – das war nicht immer so.

Kuckert-Wöstheinrich: Eine weitere Voraussetzung ist auch eine offene Fehlerkultur. Wir haben immer wieder unsere Maßnahme kritisch evaluiert. Nur so war es möglich, sich stetig zu verbessern.

Gibt es im Bereich Gesundheit/Pflege besondere Herausforderungen und Chancen für die Integration Geflüchteter?

Meyer-Hetling:  Hier ist der Anerkennungsprozess vermutlich die größte Hürde. Im Rahmen unserer Maßnahme hatten wir beispielsweise einmal eine besonders starke Gruppe. Da waren einige Studierte dabei, sogar ärztliches Personal. Doch die Abschlüsse sind hierzulande kaum etwas wert. Speziell im Bereich Gesundheit und Pflege gibt es starke Reglementierungen, in meinen Augen zum Teil zu starke. Das ist für die Betroffenen nicht leicht und hebt ihre erbrachten Leistungen auf ein minderwertiges Niveau. Wir müssen einen Weg finden, wie wir die vorhandenen Talente bestmöglich einsetzen können, denn am Ende profitieren alle davon.


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