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Biodiversität ins Wirtschaften und Finanzieren integrieren

Juan Pablo Mascanfroni auf Unsplash

Artenverlust bedroht Geschäftsmodelle. Ein Beitrag für das 35. CSR MAGAZIN

Der Schwund der biologischen Vielfalt verlangt von Unternehmen und Investoren ein erweitertes Risikomanagement und zukunftsfähige Entscheidungen. Vieles liegt auf diesem Terrain brach. Aber einige Firmen und institutionelle Anleger gehen die Herausforderung an: allein, gemeinsam und auf unterschiedlichen Feldern.

Von Susanne Bergius

Politik und Wirtschaft konzentrieren sich derzeit auf Konjunkturpakete. Manche Verbände wollen Umweltstandards aufweichen, vorgeblich damit Firmen die Folgen der Corona-Pandemie besser verkraften. Man könnte meinen, die zarten Pflänzchen an Artenschutz jenseits von Umweltorganisationen würden erstickt.

Doch die Pandemie hat vorausschauende Unternehmen und Finanzinstitute nicht darin gebremst, sondern eher verstärkt, Umweltrisiken besser einschätzen zu wollen. Angesichts spürbarer menschgemachter Bedrohungen wie Pandemien, Erderhitzung und Ökosystemschwund wollen sie diesbezüglich riskante Portfolios und Strategien anpassen, um Wertverlusten zu entgehen, und sich zukunftsfähig aufstellen.

Aus gutem Grund: Der Weltrisikobericht warnte im Januar 2020, das Artensterben und der Kollaps von Ökosystemen seien zwei der fünf größten Risiken für die Weltwirtschaft: „Der Artenschwund bedroht inzwischen die Fundamente unserer Ökonomie.“ Gayle Markovitz vom Weltwirtschaftsforum, das nicht als Ökofan bekannt ist, betonte darum: „Geschäftstreibende müssen ihre Maßstäbe adaptieren, um den Wert von Natur zu erfassen.“

Haben Unternehmen und Finanzakteure eine Mitverantwortung?

Klare Frage, klare Antwort: Ja. Denn sie investieren in Geschäftsmodelle und wirtschaften mit globalisierten Lieferketten, die nur deswegen so gut funktionieren, weil für die externen ökologischen Kosten keine Preise zu zahlen sind. Das sollte zu denken geben.

Denn das schleichende Artensterben schlägt ökonomisch zu, sobald Kipppunkte überschritten sind und Systeme einbrechen. So sind vom Aralsee, dem einst viertgrößten Binnensee der Welt, infolge übermäßigen Baumwollanbaus nur klägliche Reste und eine Wüste übrig. Die Corona-Pandemie, ausgelöst durch eine Zoonose infolge des Verdrängens von Wildtieren, verursacht gar eine globale Rezession!

Die Unternehmensberatung PWC und die Umweltorganisation WWF betonten Anfang 2020: „Da der Klimawandel und der Verlust der biologischen Vielfalt sich gegenseitig verstärken, stehen Entscheidungsträger vor einer riesigen Herausforderung, auf diese doppelte Krise zu reagieren, weil das Risiko einer Finanzmarktinstabilität signifikant steigt.“ In ihrer Studie „Nature is too big to fail. Biodiversity: the next frontier in financial risk management“ fordern sie, sich mit Biodiversität entlang der Wertschöpfungsketten zu befassen.

Was tun Unternehmen derzeit dafür?

Manche beachten Biodiversität bei Entscheidungsfindungen systematisch. So steht sie beim Kosmetik- und Körperpflegemittelhersteller Beiersdorf oben auf einer Materialitätsmatrix. Sie zeigt, welche Themen für den Konzern und die Auswirkungen seiner Geschäftstätigkeit bedeutsam sind. Insbesondere die Ingredienz Palmöl ist heikel. Darum hat Beiersdorf dafür eine Strategie samt Maßnahmenkatalog entwickelt, um die Lage in der Lieferkette zu verbessern.

Viel weiter geht Symrise, ein börsennotierter Hersteller von Duft- und Geschmacks-Wirkstoffen: Er hat eine ausgefeilte Biodiversitätsagenda und wirkt dem Artenverlust entgegen, indem er ökologische Anbaupraktiken fördert und bedrohte Ökosysteme entlang der Lieferkette schützt. Der Konzern sichert sich so auch seine eigene Rohstoffbasis.

Gardena versucht seine Kundenbasis dieses Jahr durch ökologische Tipps zu sichern, etwa wie sich Blumenwiesen, Insekten-Unterschlupfe oder Wildwuchsbereiche einrichten und pflegen lassen. Natürlich bietet das Unternehmen passende Gartengeräte, von denen aber laut Umweltschützern längst nicht alle umweltschützend sind.

Manche klein- und mittelständische Firma bauen ihr Geschäftsmodell auf einer gesunden Natur auf. Der Babynahrungshersteller Hipp nutzt seit mehr als 60 Jahren Bio-Rohstoffe, bezieht Fisch nur aus nachhaltigem Fang und erprobt einen landwirtschaftlichen Musterhof für biologische Vielfalt. Sein Engagement brachte das mittelständische Familienunternehmen im Mai in die Finalrunde des Wettbewerbs „Mein gutes Beispiel“ der Bertelsmann Stiftung.

Auf anderen Kontinenten ist die junge Firma Everland unterwegs. Sie betreibt Marketing für Vorhaben, die Entwaldung stoppen und Wildnis schützen, auch im Rahmen des UN-Klimaprogramms REDD+ (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation). Ein Team sondiert die Projekte vor Ort nach strengen Kriterien, u.a. für Biodiversität.

Um effektiv zu wirken, sind Kooperationen wichtig – für kleine und große Unternehmen. Beispielsweise tragen die Regionalwert AGs in mehreren Regionen Deutschlands mit ökologischer Landwirtschaft und regionaler Vernetzung von Verarbeitern und Abnehmern zu Artenvielfalt, Bodenfruchtbarkeit und Grundwasserschutz bei. Dafür gewinnen sie Aktionäre.

Die Deutsche Bahn lotet seit Juni mit dem Global Nature Fund, der Bodensee-Stiftung und dem Institut für Lebensbezogene Architektur aus, wie sie ihre Flächen umgestalten kann. Auf Pilotflächen entstehen neue Lebensräume für Pflanzen, Insekten und andere Tiere.

Was strategisch und praktisch in unterschiedlichen Branchen zu tun und machbar ist, zeigen Mitglieder der Initiative Biodiversity in Good Company. Jedoch sind dort erst 32 Firmen beteiligt. Wo ist der Rest der Wirtschaft?

Weil Unternehmen ihren Biodiversitäts-Fußabdruck meist ignorieren, haben 251 Großanleger mit addiert 17,7 Billionen Dollar an verwalteten Vermögen 2019 von zig Unternehmen vieler Branchen gefordert, sich in ihren Lieferketten für den Schutz der Regenwälder einzusetzen.

(Wie) Engagieren sich Finanzakteure?

Die Financiers der Wirtschaft sind selbst ebenso gefordert. Warum, das bezifferte die niederländische Zentralbank im Juni 2020: Mehr als ein Drittel der 1,4 Billionen Euro Vermögenspositionen des dortigen Finanzsektors hängt vom ökologischen Reichtum ab. Das heißt, 510 Milliarden Euro an weltweit platzierten Finanzierungen sind von Artenschwund und Ökosystemzerstörung bedroht.

Doch die meisten Geldgeber befassen sich nicht damit. Viele Kapitaleigner beziehen sich zwar auf die 17 UN-Nachhaltigkeitsziele, die Sustainable Development Goals (SDGs). Aber das Leben im Wasser und an Land (SDG 14 und 15) beschäftigt nur einzelne, so das Researchhaus Novethic 2019. Selbst der Fokus wirkungsorientierter Investoren liegt nur auf wenigen SDGs, die natürlichen Lebensgrundlagen gehören nicht dazu, wie das Centre for Social Investment der Universität Heidelberg im Juni 2020 ermittelte.

Die Umweltorganisation Global Witness prangerte 2019 die Finanzierung von Entwaldung durch 300 Banken und Großanleger an. Und laut einer Studie der Umweltorganisation Global Canopy von Anfang 2020 haben fast 70 Prozent von 150 analysierten Finanzinstituten keine Vorgaben zur Regenwaldzerstörung. Und dies, obwohl die von besorgten Investoren 2010 gegründete Initiative CDP Forests warnt: „Entwaldung stellt ein reales Geschäftsrisiko dar“.

Wie können Geldgeber negative Folgen für Ökosysteme mindern?

Dazu gibt es einige Möglichkeiten: Investoren können Anleihen von Staaten ausschließen, die die UN-Biodiversitätskonvention nicht ratifiziert haben. Privatanleger können schauen, ob Publikumsfonds Staaten ausschließen, die dagegen verstoßen. Nordea Asset Management stoppte 2019 den Kauf brasilianischer Staatsanleihen, weil die Regierung die Brandrodung und Tausende von Feuern in Amazonien tolerierte.

Bei Aktien oder Firmenanleihen wäre zu recherchieren, wie Emittenten mit Biodiversitätsrisiken ihrer Geschäftsmodelle umgehen. Einige Publikums- und Spezialfonds haben Artenschutzkriterien. Manche Investoren fragen, wie Mittelständler und börsennotierte Unternehmen ökologischen Reichtum in Managementstrategien und Entscheidungsfindung integrieren. Darauf achten auch erste Kreditgeber und lassen sich dazu schulen.

Bei Klimainvestments sind nicht nur CO2-Emissionen zu beachten, sondern auch der Schutz von Wäldern, Mooren und Grasgebieten. Was nutzt ein emissionsarmer Papierhersteller, der Holz mit Kahlschlägen organisiert? Zweifelhaft sind zudem Investments in Monokulturen an nachwachsenden Rohstoffen. Bei Immobilien und Großprojekten ist zu schauen, ob Ökosysteme weichen müssen und gute Ausgleichsflächen entwickelt werden, nicht bloß Dachbegrünung.

Skepsis ist bei konventionellen Finanzakteuren angebracht. So sagte US-Fondsgigant Blackrock Anfang 2020 zu, Kohleinvestments zu veräußern. Doch er gehört laut Nichtregierungsorganisationen zu den größten Anteilseignern solcher Unternehmen, die Wälder am stärksten abholzen.

Nicht zuletzt können Großanleger aktive Anteilseigner sein: Niederländische Fondsgesellschaften verlangen seit 2019 von Palmöl-Produzenten einen nachhaltigeren Anbau. Die Norges Bank Investment Management schließt Palmöl-Investments aus und spricht mit Banken, die Entwaldung finanzieren, und Firmen, die Soja und Fleisch aus Brasilien kaufen.

Den größten Erfolg erzielten im Juli 34 Großanleger mit addiert 4,6 Billionen Dollar verwalteter Vermögen: Auf ihren Druck hin hat die brasilianische Regierung angekündigt, Brandrodung in Amazonien für 120 Tage zu verbieten. Mit den Worten „Wir wollen weiter in Brasilien investieren“ hatten sie die Regierung per offenem Brief aufgefordert, die Entwaldung zu beenden und die Rechte indigener Völker zu wahren. Sie verlangen eine konsistente Regulierung, die Wälder langfristig schützt. Ob sie sich durchsetzen, bleibt abzuwarten.

„Der Brief der Investoren war die wirksamste internationale Initiative gegen die Amazonas-Brände der letzten Zeit“, sagt Lutz Weischer von Germanwatch. „Es ist schade, dass kein großer deutscher Investor den Mut hatte, sich dieser Initiative anzuschließen.“ Es müsste viel mehr solcher Aktionen geben, sagt Adam Pawloff von Greenpeace, „denn Investoren haben eine große Macht.“ Die unmittelbare Reaktion zeige, dass solche Dialoge effektiv seien.

Können Unternehmen und Kapitalgeber die Biodiversität stärken?

Es ist schwierig, Geschäftsmodelle und Geldanlagen zu entwickeln, bei denen Artenreichtum selbst eine finanzielle Rendite abwirft. Denn Ökosystemleistungen werden noch immer nicht „in Wert gesetzt“: Ihre Zerstörung kostet nichts, für ihren Erhalt oder ihre Schaffung gibt es kein Geld. Zudem existiert anders als beim Klima nicht die „eine“ große Messlatte. Vielfältige Zusammenhänge machen die Sache komplex.

Gleichwohl existieren Anlagemöglichkeiten zugunsten artenreicher Wälder, des Biolandbaus oder naturbasierter Geschäftsmodelle. Erste Akteure handhaben Biodiversitätsschutz als ein Kriterium und investieren z.B. in Erneuerbare-Energien-Projekte mit Aufforstungen. Professionelle Anleger wiederbelebten 2018 die Papierfabrik Scheufelen, weil deren Graspapier aus Wiesenheu als Alternative zu holzbasiertem Papier oder Plastikverpackungen ökologisch zukunftsweisend ist.

Andere kauften 2019 über die junge Plattform SDG Investments eine Anleihe von Hylea Foods: Deren Geschäftsmodell basiert darauf, dass Paranussbäume nur in gesunden Ökosystemen in Regenwäldern wachsen. Sie sichert 45.000 Menschen durch Wildernte und Weiterverarbeitung ein Einkommen – das schützt den Wald indirekt.

Die KfW Bank beteiligte sich 2019 am „Sustainable Ocean Fund“: Er investiert rund 100 Millionen US-Dollar in kleine und mittlere Unternehmen, die nachhaltige Fischerei betreiben, sich für marine und küstennahe Ökosysteme einsetzen, Müll recyceln und die Plastikverschmutzung der Ozeane durch Kreislaufwirtschaft verringern.

Doch noch gebe es kein Investmentprodukt, welches dem Anleger einen Ertrag aus geschaffener Biodiversität bringe, sagt Harry Assenmacher, Chef der Forest Finance, die Aufforstungen in den Tropen betreibt. Erträge liefern der Verkauf von Holz, Früchten, Nüssen, Honig und anderen Naturleistungen. So entsteht Biodiversität als Nebenprodukt wirtschaftlich interessanter Renaturierung.

Wichtig ist, solche Agroforst-Mischkulturen und artenreiche Mischwälder von Monokulturen zu unterscheiden. Zudem müssen Geldgeber ausdauernd und risikobereit sein – Bäume und Ökosysteme brauchen Zeit zum Gedeihen. Direktinvestments bergen das Risiko des Totalverlusts. Aber: Ohne mutige Unternehmen und Investoren gäbe es keine Innovationen. Das sollte auch für die menschliche Lebensgrundlage gelten.

Internationale Initiativen haben Leitlinien, Werkzeuge und Praxisbeispiele entwickelt zwecks Naturkapitalbewertung, Risikomanagement, Due-Diligence und Berichterstattung. Wem das zu kompliziert erscheint, dem machen derzeit Niederländer vor, wie es geht: Seit März 2020 kooperieren sechs Finanzinstitute, um die Effekte ihres Geschäfts auf die biologische Vielfalt zu messen und zu schauen, wie sie zu deren nachhaltiger Nutzung beitragen können. Die Kooperation ist offen für ausländische Interessenten.

Die Initiatorin, die mittelständische ASN Bank, will sogar mit Investments und Krediten bis 2030 positiv auf die Biodiversität wirken: Geld für Renaturierung und Kreislaufwirtschaft sollen den Reichtum an Arten und Biotopen in den Niederlanden und andernorts verbessern.

Autorin

Susanne Bergius
ist Diplom-Geographin, war 14 Jahre Auslandskorrespondentin des Handelsblatts und arbeitet seit 2004 als Journalistin und Moderatorin für nachhaltiges Wirtschaften und Investieren in Berlin.

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