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Selfmademan, Medienmogul und Demokratie-Aktivist

Wikimedia Commons (Public Domain)

Hongkonger Unternehmer Lai wegen angeblicher Verschwörung mit Ausland festgenommen

Von Jerome Taylor

Hongkong (AFP) – Als die Polizei um sieben Uhr morgens vor seinem Haus stand, dürfte Jimmy Lai nicht allzu überrascht gewesen sein. Der Hongkonger Verleger hatte mit seiner Festnahme gerechnet. “Ich bin auf das Gefängnis vorbereitet”, sagte der 71-jährige Peking-Kritiker Mitte Juni der Nachrichtenagentur AFP. Hinter Gittern werde er sich dem Lesen widmen können. Ihm bleibe nichts anderes übrig, als “positiv zu bleiben”.

Festgenommen wurde Lai nun auf Grundlage des sogenannten Sicherheitsgesetzes, das seit Ende Juni in Kraft ist. Es gibt den Behörden weitgehende Vollmachten im Vorgehen gegen alle Aktivitäten, die nach ihrer Auffassung die nationale Sicherheit Chinas bedrohen. Lai war schon seit langem im Visier der Pekinger Führung. Die chinesischen Staatsmedien brandmarkten ihn immer wieder als “Verräter” und Strippenzieher hinter der Hongkonger Demokratiebewegung.

Verschwörung mit “ausländischen Mächten” gegen China: Das ist der schwere Vorwurf, unter dem Lai – ebenso wie sechs weitere Peking-Kritiker – am Montag abgeführt wurde. Noch am selben Vormittag wurden seine Villa und die Redaktionsräume seiner Zeitung “Apple Daily” von der Polizei durchsucht. Dabei war Lai zumindest zeitweise präsent. Von Mitarbeitern des Blattes gestreamte Aufnahmen zeigten ihn in Handschellen in der Redaktion, umringt von Polizisten.

Lai war von der Hongkonger Justiz schon vor Inkrafttreten des sogenannten Sicherheitsgesetzes unter Anklage gestellt worden, wegen seiner Teilnahme an den Protesten der Demokratiebewegung im vergangenen Jahr. Doch blieb er zunächst auf freiem Fuß. Das neue Gesetz beschleunigte dann das Vorgehen gegen den Verleger, der sich selbst als “Unruhestifter” bezeichnet.

Während Peking in ihm einen Staatsfeind sieht, wird Lai in Hongkong von vielen Bürgern als Held verehrt. Als einziger Magnat der Finanzmetropole wagte er es, unverblümt seine Stimme gegen die Zentralregierung zu erheben. Vielleicht sei er ein “geborener Rebell”, vielleicht brauche er auch neben dem Geldmachen noch einen anderen Sinn in seinem Leben, sagte er dazu im AFP-Interview.

Lai identifiziert sich in jedem Fall in hohem Maße mit der Stadt, in der er als Selfmademan zum reichen Mann geworden ist. Ursprünglich stammt er aus dem südchinesischen Guangzhou, wo er nach eigener Schilderung in eine “reiche Familie” hineingeboren wurde – die aber nach der Machtergreifung der Kommunisten alles verlor.

Nachdem die Erwachsenen der Familie in Arbeitslager geschickt wurden, arbeitete Lai als Gepäckträger am Bahnhof. Als Zwölfjähriger flüchtete er dann in die britische Kronkolonie Hongkong, wo er in einer Fabrik für Handschuhe arbeitete und sich selber die englische Sprache beibrachte. In der Hierarchie der Fabrik stieg er über die Jahre auf. Und zu erstem Reichtum gelangte er, als er eine Bonuszahlung erfolgreich an der Börse anlegte.

Später gründete Lai das erfolgreiche Bekleidungsunternehmen Giordano – das er dann verkaufte, nachdem die chinesischen Behörden die Giordano-Läden auf dem Festland dicht machten. Lai konzentrierte sich in der Folge auf den Aufbau eines Medienimperiums. Die beiden Flaggschiffe seines Konzerns – “Apple Daily” und das “Next Magazine” – sind Boulevardblätter mit viel Promi-News und Berichterstattung über Sexskandale. Sie setzen aber auch auf investigativen Journalismus. Und sie haben in den vergangenen Jahren konsequent die Demokratiebewegung unterstützt.

Lais politisches Erweckungserlebnis war die brutale Niederschlagung der pro-demokratischen Proteste auf dem Pekinger Tiananmen-Platz 1989. Damals wurde er zum Aktivisten. Er sei als Kind “mit nichts” nach Hongkong gekommen, der “Freiheit dieses Ortes” habe er alles zu verdanken, sagte er im AFP-Interview. “Vielleicht war es an der Zeit, dass ich für diese Freiheit etwas zurückgezahlt habe.”


Aktualisierung 12.08.20: Lai wurde kurze Zeit später auf Kaution freigelassen.

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