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Britische Textilfabriken als Corona-Brutstätten

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In 1500 heruntergekommenen Werkstätten arbeiten schlecht bezahlte Migranten

Von Kevin Trublet

Leicester (AFP) – Deutsche Schlachthöfe, spanische Erdbeerfelder, britische Textilfabriken: Sie alle haben sich in der Corona-Pandemie zu Brutstätten für das Virus entwickelt. Als Grund dafür gelten die teils katastrophalen Lebens- und Arbeitsbedingungen der zumeist ausländischen Arbeiter. Im nordenglischen Leicester sind nun die rund 1500 Textil-Werkstätten in den Fokus geraten. In ihnen wird billige Massenware produziert, die auch in Deutschland verkauft wird. Doch der Preis dafür ist hoch.

Derzeit sind viele Textil-Werkstätten in der 355.000-Einwohner-Stadt nahezu verlassen. Grund ist ein massiver Corona-Ausbruch in der Region, deren Ursprung Kritiker in den Fabriken sehen. Doch die Schließungen erfolgten offenbar reichlich spät. Als die Behörden die Corona-Einschränkungen in der Region bereits verschärften, berichteten Augenzeugen noch von überfüllten Ateliers.

Auf dem Höhepunkt der Pandemie seien mehrere Beschäftigte zwar positiv auf das Coronavirus getestet worden, sagt Meg Lewis, Kampagnenchefin der Nichtregierungsorganisation “Labour behind the label” (“Arbeit hinter der Marke”). Die Infizierten seien dennoch dazu gedrängt worden, weiter zur Arbeit zu gehen.

Bereits vor der Pandemie war die Lage der Beschäftigten vielfach prekär. “Die meisten Fabriken von Leicester bestehen aus kleinen Werkstätten, die oft in heruntergekommen Gebäuden untergebracht sind”, heißt es in einem Bericht von “Labour behind the label” von Ende Juni. In die Sicherheit der riesigen Gebäude oder in ein gutes Belüftungssystem investieren die Eigentümer kaum.

Die Arbeiter von Leicester stellen Kleidung her, die später für wenig Geld verkauft und auch nur kurze Zeit getragen wird: sogenannte “Fast Fashion”. Die Organisation “Labour behind the label” schätzt, dass 75 bis 80 Prozent der Textilproduktion in Leicester für den britischen Boohoo-Modekonzern erfolgt. Der vertreibt seine Kleidung auch in Deutschland.

Recherchen britischer Medien und Aktivisten zu den Arbeitsbedingungen sorgten landesweit für Entsetzen. Die Löhne liegen demnach mitunter nicht höher als zwei bis drei Pfund pro Stunde, deutlich unter dem Mindestlohn von 8,27 Pfund (9,66 Euro).

Der Kleidungsriese Boohoo zeigte sich angesichts der Enthüllungen “entsetzt” und kündigte eine Untersuchung an. Für Aktivistin Meg Lewis reicht das nicht aus: Sie fordert von Boohoo ein anderes Geschäftsmodell, weg von der Billigmode.

Nicht alle sehen indessen den Grund für das lokale Aufflammen der Pandemie in der Arbeitsweise der Textilfabriken von Leicester. Stadtrat Adam Clarke von der sozialdemokratischen Labour-Partei etwa sagt, Schuld seien die vielmehr die Bevölkerungsdichte, die Armut und der hohe Anteil an Minderheiten, die häufiger von Corona betroffen seien. “Ein schlechter Cocktail”, sagt Clarke.

Die Textilarbeiter in Leicester schweigen zu alledem. Eine junge Frau asiatischer Herkunft sagt nur, sie spreche kein Englisch, und läuft eilig weg. “Ich kann darüber nicht sprechen”, sagt ein junger Mann. Er wechselt ein paar Worte in einer fremden Sprache mit seinem Kollegen, dann sagt er: “Zehn Pfund pro Stunde.”

Einer, der es wissen muss, widerspricht dieser Lohnangabe: Ali, der in Wirklichkeit anders heißt, lange eine Kleidungswerkstatt leitete und jetzt Fahrer bei Uber ist. Er sagt, dass ein Stundenlohn von drei bis vier Pfund die Regel sei. Deshalb habe er den Job an den Nagel gehängt.

Mittlerweile gebe es nur noch “illegale Arbeit” unter den 30 Beschäftigten seiner früheren Werkstätte, sagt Ali. “Inder, Bangladescher.” Für Meg Lewis von “Labour behind the label” sind deshalb Tür und Tor für Ausbeutung geöffnet. Sie spricht von “moderner Sklaverei”.

Und die britischen Behörden? Von Anfang Mai bis Mitte Juni nahmen die Gesundheitsbehörden 51 Inspektionen in den Fabriken vor. Sie stellten neun Verstöße fest. Allerdings sei keiner so gravierend gewesen, dass eine weitergehende Untersuchung eingeleitet wurde.

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