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Lehren aus Corona

Schulhaus in Dübendorf, Schweiz (Claudio Schwarz auf Usplash)

Impulse aus der Wirtschafts- und Unternehmensethik: Alexander Brink und Marc C. Hübscher im Interview

Bayreuth (csr-news) – Wie verändert die Covid19 das Kräfteverhältnis zwischen Staat, Markt und Großkonzernen? Inwieweit ist die Bekämpfung der Corona-Krise mit der Bekämpfung der Klima-Krise vereinbar? Welche Rolle kann Ethik in Zeiten der Krise spielen? Zu diesen Fragen ist ein Sonderband der Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik erschienen. Nach dessen Erkenntnissen fragte das CSR MAGAZIN die Herausgeber Alexander Brink und Marc C. Hübscher.

CSR MAGAZIN: Im August/September dieses Jahres erscheint Ihr neues Buch mit dem Titel „Lehren aus Corona – Impulse aus der Wirtschafts- und Unternehmensethik“, das Sie gemeinsam mit Bettina Hollstein und Chris Neuhäuser herausgebt. Was hat Sie bewegt, dieses Projekt zu starten?

Dr. Marc C. Hübscher

Dr. Marc C. Hübscher: Auf einem Herausgebertreffen hat unser Dortmunder Kollege Chris Neuhäuser Anfang April 2020 die Idee zur Diskussion gestellt. Gesellschaftliche Krisen sind besonders geeignet, auch die Stimme der Wirtschafts- und Unternehmensethik zu erheben. Insofern waren alle Herausgeberinnen und Herausgeber recht schnell der Meinung, dieses Projekt umzusetzen. Motivation aller war die Einsicht, soweit würde ich gehen, dass die Corona-Pandemie nicht nur eine globale Krise ist, die alle gesellschaftlichen Sphären durchdringt, sondern auch, dass alle mehr oder weniger unmittelbar von dieser Krise betroffen sind. Aufgrund der Aktualität waren wir bestrebt, dieses Projekt sehr zügig umzusetzen, sodass wir das Erscheinen des Bandes für August 2020 geplant haben, was nicht mehr als vier Monate nach der ursprünglichen Idee ist, und allein deswegen als sehr ambitioniert erscheint.

CSR MAGAZIN: Wen haben Sie als Autoren eingeladen?

Hübscher: Wir hatten Anfang April 2020 rasch einen Call for Paper unter den Herausgeberinnen und Herausgebern abgestimmt und waren natürlich sehr gespannt, ob wir vor dem Hintergrund der sehr kurzen Zeit überhaupt genügend Autorinnen und Autoren für dieses Projekt gewinnen können. Durch eine zweiteilige Strategie, nämlich die Veröffentlichungen des Call for Papers in den bekannten Netzwerken sowie einer persönlichen Ansprache von potenziellen Mitwirkenden konnten wir sehr schnell über 20 Beitragende für dieses Projekt gewinnen. Dieser Erfolg hat uns nicht nur sehr gefreut, sondern auch bestätigt, dass wir mit dem Projekt einen sehr relevanten Diskurs angestoßen haben. Insbesondere freut es uns, dass wir sowohl bekannte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – auch aus dem wissenschaftlichen Nachwuchs – für diesen Band gewinnen konnten. Schon vor dem Erscheinen des Buches möchte ich hier vorsichtig von einem Erfolg des ganzen Projekts sprechen.

CSR MAGAZIN: Wie haben Sie die Qualität der Beiträge gesichert bei dem zügigen Prozess?

Prof. Dr. Dr. Alexander Brink: In der Tat – meine Kolleginnen und Kollegen und ich haben noch nie einen Band in einem solchen Tempo und Engagement vorangetrieben. Wir wollten eine der ersten wirtschafts- und unternehmensethischen Publikationen zu diesem Thema in Form eines Sammelbandes publizieren. Die Beiträge gingen durch ein internes Gutachterverfahren – es wurden auch Beiträge nicht weiterverfolgt und abgelehnt. Wir sprechen mit dem Band ein breites interessiertes Publikum an, daher waren Verständlichkeit und Innovation ein wichtiges Kriterium. Außerdem haben wir, was in der Wissenschaft eher unüblich ist, einen essayistischen Stil zugelassen und waren auch bei der Quellenarbeit sicherlich etwas toleranter als üblich – viele Quellen sind neu, Studien noch im vorveröffentlichen Status.

CSR MAGAZIN: Gibt es erste Ergebnisse? Welche Lehren sind denn zu ziehen?

Prof. Dr. Dr. Alexander Brink

Brink: Wir haben wertvolle Beiträge bekommen, die wir gerade analysieren und ordnen. Erste Tendenzen kann man aber schon ablesen: Einige Autorinnen und Autoren setzen sehr fundamental an, machen sozusagen eine Abrechnung mit dem System. Da wird wirklich alles in Frage gestellt und ein radikaler Neustart gefordert. Eine zweite Gruppe macht solide Theoriearbeit und versucht hier neue Ansätze voranzutreiben oder bestehende Positionen weiterzuentwickeln. Wieder andere Beiträge geben Hilfestellungen, wie man das gegenwärtige System aus sich heraus transformieren kann, gerade auf Unternehmensebene. Besonders gefreut haben uns aber auch die persönlichen Perspektiven, die wir in einer eigenen Kategorie „Standpunkte“ zusammengefasst haben. Es geht in der Wirtschafts- und Unternehmensethik ja um das Spannungsfeld zwischen Wirtschaft und Gesellschaft.

CSR MAGAZIN: Und was ist Ihre persönliche Empfehlung?

Brink: Wir haben natürlich selbst auch Beiträge für den Band verfasst – die übrigens ebenfalls kritisch von den Kolleginnen und Kollegen begutachtet wurden. Dabei wurde deutlich, wie differenziert das Meinungsbild auch im Herausgeberfeld ist. Mein Ansatz verfolgt zum Beispiel die Position, dass Ethik nicht gegen, sondern nur mit der Ökonomie umgesetzt werden kann. Ich empfehle eine konsequente Wertepositionierung von Unternehmen und gebe Beispiele, wie so etwas im Rahmen von Sustainable Finance erfolgen kann. Damit nehme ich sicherlich zwischen den zuvor beschriebenen „Post-Corona“-Lagern eine Mittlerrolle ein. Marc, Dein Ansatz ist eher grundsätzlicher, nicht wahr?

Hübscher: Ja, in der Tat! Ich habe mich in meinem Beitrag zu einer Post-Corona Politik gefragt, was wir eigentlich meinen, wenn wir Berufe oder Berufsgruppen, bzw. Branchen als systemrelevant bezeichnen. Ohne Frage verging in den Monaten, insbesondere März und April, kaum ein Tag, an dem wir nicht über Systemrelevanz lesen konnten. Was aber meint dieser Begriff, den wir tatsächlich erst in der Weltfinanzkrise gewissermaßen in der damaligen Anwendung auf die Finanzbranche im Sinne eines ‚too big to fail‘ kennengelernt haben? Ich habe lediglich Vorschläge entwickelt, was wir mit Systemrelevanz meinen können, aber ich habe auch versucht deutlich zu machen, dass es sozioökonomische Konsequenzen haben sollte, wenn wir Berufe oder Branchen als systemrelevant bezeichnen. Ähnlich der Diskussion um die sogenannte Daseinsvorsorge kommt der Systemrelevanz damit eine Dimension zu, in der dem Staat eine wichtige Bedeutung in der ordnungspolitischen Absicherung systemrelevanten Wirtschaftens zukommt.

Brink: Ich glaube, letztlich wir sind da dennoch eng beieinander, weil wir die praktische Anwendung mit der theoretischen Perspektive verbinden und beide aus einer governanceethischen Tradition kommen, diese aber nun in das 21. Jahrhundert tragen und auf spannenden Anwendungsfelder bringen: für mich sind das Wertepositionierung, Nachhaltigkeit und Digitalisierung – idealerweise bekommen wir alles drei zusammen. Die Post-Corona-Ökonomie wäre eine ideale Startrampe, hier ein Zeichen zu setzen und einen Aufbruch in eine neue Ökonomie zu wagen, die den ökonomischen Erfolg mit der Lösung unserer gesellschaftlichen und ökologischen Probleme verbindet.

Hübscher: In diesem Befund stimme ich Alexander ausdrücklich zu! Die Kernherausforderung bleibt dabei, wie wir die in politischen Kreisen häufig genannte ‚neue Realität‘ definieren und ausgestalten. Wir sind mit den Lehren aus Corona nämlich an einem interessanten Scheideweg, der prinzipiell drei Alternativen zulässt: Entweder versuchen wir – als Gesellschaft – alles zu tun, um den Deckmantel der ‚neuen Realität‘ zu benutzen, um schnellstmöglich in der Pre-Corona-Realität wieder zurückzukommen. Oder die Wirtschaft lernt allein aus den Kostenoptimierungen, die beispielsweise ein ‚remote working‘, flexibles Arbeiten unter Anwendung der digitalen Möglichkeiten (die bereits vor Corona grundsätzlich bekannt waren, deren Nutzung aber wahrscheinlich an eingeübten Routinen scheiterte) und alles andere bleibt ein ‚business as usual‘. Oder aber, und das wäre meines Erachtens zu wünschen: Wir sehen die Pandemie als das, was sie auch ist: Nämlich eine Herausforderung der alten Realität, weil sie gescheitert ist (oder vielleicht etwas vorsichtiger ausgedrückt: in sich widersprüchlich ist). Die ‚neue Realität‘ hätte dann etwas damit zu tun: Wirtschaft und Gesellschaft in Richtung nachhaltige Entwicklung zu bewegen.

CSR MAGAZIN: Herr Brink, wie sehen Sie das mit den drei Alternativen?

Brink: Die Kostenoptimierungen werden definitiv mitgenommen: Allein schon durch den Digitalisierungsschub wird das einen positiven Beitrag für unsere Umwelt geben. Die anderen beiden Positionen zwischen einem ‚Weiter-so‘ und einem ‚Reflektierten Neuanfang‘ sehe ich auch, wäre aber nicht in der Lage hier eine Prognose abzugeben. Inwieweit uns Systemrelevanz wieder in alte Systemzwänge hineinzieht und alte Wachstumsspiralen in Gang setzen oder uns wirklich mit der jungen Generation eine Transformation in eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Gesellschaft gelingt, wird sich zeigen. Ich bleibe aber optimistisch.

Hübscher: Wir sehen in jedem Fall, dass die gesellschaftliche Diskussion zu den Lehren aus Corona eher am Anfang stehen und wir insgesamt aufpassen müssen, nicht allzu vorschnell wieder zur Tagesordnung der Normalität zurückzukehren. Dazu möchte unser Sammelband, zu mindestens dem Anspruch nach, einen Beitrag leisten.

CSR MAGAZIN: Vielen Dank für das Interview!

Prof. Dr. Dr. Alexander Brink ist Professor für Wirtschafts- und Unternehmensethik an der Universität Bayreuth und Gründungspartner der Unternehmensberatung concern GmbH (Köln und Bayreuth)

Dr. Marc Hübscher ist Partner im Bereich Financial Advisory und leitet den Bereich “Modelling Services” bei Deloitte Deutschland sowie den Bereich “Public Sector” in der deutschen Financial Advisory Praxis.

Das Buch:
A. Brink, B. Hollstein, M.C Hübscher und C. Neuhäuser (Hrsg.) (2020): Lehren aus Corona. Impulse aus der Wirtschafts- und Unternehmensethik. Mit Beiträgen von u.a. Birger P. Priddat, Ingo Pies, Hartmut Rosa, Andreas Suchanek und Peter Ulrich. Baden-Baden: Nomos (zfwu-Sonderband) Weitere Infos: https://www.zfwu.nomos.de/sonderband/

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