Digitalisierung Partnermeldungen

Perspektiven 2020: Werte – Nachhaltigkeit – Digitalisierung

Titelbild: Dr. Markus Groß-Engelmann (links) und Prof. Dr. Dr. Alexander Brink (rechts)

10-jähriges Jubiläum von concern

Köln (csr-partner) – concern ist eine Beratungsgesellschaft mit Sitz in Köln. Als Spin-Off des renommierten „Philosophy & Economics“-Programms der Universität Bayreuth wurde concern 2010 als eine der ersten Corporate Governance, Responsibility und Sustainability Beratungen in Deutschland gegründet.

Von Alexander Brink und Markus Groß-Engelmann

Redaktion: Lieber Markus, zunächst einmal Gratulation zum 10-jährigen Jubiläum von concern! Haben sich Eure Erwartungen erfüllt?

Markus: Ich selber bin ja vor gut 6 Jahren bei concern eingestiegen. Bis dahin war ich viele Jahre selber als Führungskraft im Großunternehmen tätig und hatte den Eindruck, dass die Themen, die concern bearbeitet die Zukunftsthemen sind. Die Kombination von fachlichem Know-how und Managementpraxis schien mir eine Schlüsselkompetenz sein zu können. Diese Erwartung hat sich mittlerweile voll erfüllt, wenngleich der Weg dorthin einiges abverlangt hat und noch abverlangen wird.

Alexander: Ich bin sehr zufrieden. Wenn man bedenkt, wo wir mit dem Thema Nachhaltigkeit und Verantwortung vor zehn Jahren gestartet sind, kann man nun sagen: der Markt ist deutlich reifer geworden. Wir müssen nun sehen, dass wir wissenschaftliche Erkenntnisse und unsere Projektexpertise weiter entwickeln, um die Unternehmen auf die Herausforderungen der Zukunft durch innovative Nachhaltigkeitskonzepte gut vorzubereiten. Es gibt viel zu tun!

Redaktion: Alexander, Du erläuterst in einem Interview auf Eurer Webseite concern.de zwei Zukunftsthemen – welche sind das?

Alexander: Wir sehen gegenwärtig zwei große Entwicklungen am Markt. Das erste ist eine digitale Wende. Hier wird seit ca. drei Jahren das Thema verantwortliche Gestaltung der Digitalisierung (Corporate Digital Responsibility) bewegt. CSR NEWSs hat dieses wichtige Thema ja kürzlich auch aufgegriffen. Werte spielen im digitalen Zeitalter eine zentrale Rolle; das beginnt im Umgang mit Daten geht bis zum Beitrag der Digitalisierung zur Förderung der sustainable development goals. Hier stehen wir sowohl in der Forschung als auch in der Projektumsetzung erst am Anfang. Wir sind froh, dass wir mit einigen Vorreiterunternehmen wie der Allianz, Otto, Miele, ING Bank, Cliqz oder auch der Deutschen Bahn, der Deutschen Telekom und Daimler zum Beispiel in der CDR-Initiative des BMJV zusammenarbeiten dürfen.

Redaktion: Und der andere Trend?

Alexander: Das zweite ist eine verhaltensorientierte Wende, die wir schon länger beobachten, die aber stark an Bedeutung zunimmt. Wir lernen z.B. gegenwärtig viel aus der Psychologie über Werte, Motivation und Sinn. Daher setzen wir auf das Thema Wertepositionierung (Value Positioning). Unsere Empfehlung ist simpel: Unternehmen sollten sich der normativen Grundlagen ihres Handelns bewusst sein: es geht um den Dreiklang aus Haltung, Handlung und Wirkung. Der werteorientierte Strategie-, Struktur- und Kulturwandel steht hier im Zentrum. Und hier werden zurzeit grobe Fehler gemacht. Einige Unternehmen starten gegenwärtig wahllos Projekte zum Kulturwandel ohne Strategie und Struktur ihrer Organisation in den Blick zu nehmen. Die Mitarbeiter*innen sind zunehmend irritiert – und es bewirkt auch nichts. Wer es hingegen schafft, seine Haltung in die entsprechende Handlung zu überführen und damit eine sinnvolle Wirkung zu erzielen, den bezeichnen wir als purpose leader. In Zeiten des Fachkräftemangels werden diese Unternehmen sich durchsetzen. Die junge Generation spürt den Unterschied. Von ihnen geht ein gewisser Charme aus. Gegenwärtig begleiten wird u.a. Sparkassen und Genossenschaftsbanken, aber auch mit großen Versicherungen und Sozialunternehmen.

Redaktion: Ist Nachhaltigkeit nicht auch ein Wert?

Alexander: Absolut. Vor wenigen Jahren erhielten wir einen Anruf von einem Familienunternehmen mit 150-jähriger Tradition. Wie viele Familienunternehmen lebte und pflegte es traditionell seine Werte – und das bei 50.000 Mitarbeiter*innen. Es war eines der profitabelsten Unternehmen mit Stammsitz in Deutschland. Wir sollten eine Nachhaltigkeitsstrategie entwickeln und den entsprechenden Wert neu ausgestalten. Wenige Monate später erhielten wir einen Anruf von einem globalen Automobilkonzern, ebenfalls mit Sitz in Deutschland. Der Auftrag war genau umgekehrt, Nachhaltigkeit in das Wertesystem des Konzerns zu integrieren und damit zur Grundlage für einen Transformationsprozess und einen Kulturwandel im Unternehmen zu machen. Beide Beispiele hatten eines gemeinsam: Es ging um Nachhaltigkeit als Wert.

Redaktion: Wenn Nachhaltigkeit ein Wert ist, brauchen Unternehmen dann nicht gewissermaßen auch eine entsprechende Haltung zu dem Thema?

Alexander: Ich bin dankbar, dass Du das anspricht. Betrachtet man Nachhaltigkeit als Wert, so lassen sich nach unserer Erfahrung unterschiedliche Haltungen identifizieren. Erstens gibt es eine basale Haltung: „Ohne Nachhaltigkeit wird die Welt zerstört!“ Zweitens gibt es eine funktionale Haltung: „Kennzahlen und Wirkungsketten bewirken Nachhaltigkeit!“ Drittens gibt es eine emotionale Haltung: „Wir haben Spaß bei der Umsetzung von Nachhaltigkeit und nachhaltig ausgerichtete Unternehmen sind attraktiv für Kunden und Mitarbeiter!“ Und viertens gibt es eine transformationale Haltung: „Nachhaltigkeit ist für uns Kult – wir teilen eine gemeinsame Vision, spüren unsere Selbstwirksamkeit und wollen die Welt verbessern!“

Redaktion: Markus, kannst Du das mal auf eine konkrete Projekterfahrung beziehen?

Markus: Der Erfolg eines Unternehmens – z.B. im Bereich Führung und Zusammenarbeit – hängt stark davon ab, wie Nachhaltigkeit als Wert verstanden wird. Betrachtet ein Unternehmen Nachhaltigkeit mit einer basalen Haltung, also als eine Art Selbstverständnis, dann taucht es i.d.R. kaum explizit in der Strategie, der Struktur und der Kultur einer Organisation auf: man tut die Dinge eben – was sollte man auch sonst tun? Betrachtet ein Unternehmen Nachhaltigkeit mit einer funktionalen Haltung, also als technischen Wirkzusammenhang, dann wird man das Unternehmen vermutlich sehr eng über Kennzahlen steuern. Für die Strategie heißt das, ein klares Portfoliomanagement voranzutreiben mit Exit-Optionen für nicht-nachhaltige Geschäftseinheiten und Entwicklungsoptionen der nachhaltigen Geschäftseinheiten. Die Struktur ist eher klar gegliedert, anreizsensitiv, meist hierarchisch etc. Betrachtet ein Unternehmen etwa Nachhaltigkeit mit einer emotionalen Haltung, dann wirkt sich das v.a. im Bereich der Kultur aus – Wertschätzung, wechselseitige Motivation, Auszeichnungen, Kampagnen, Agilität etc. könnten Ausprägungen sein. Betrachtet ein Unternehmen Nachhaltigkeit aus einer transformationalen Haltung heraus, so geht es tief in die kulturelle Prägung einer Organisation und wirkt stark auf den einzelnen Akteur: Mitarbeiter sind stolz auf das Unternehmen, sie brennen für ihre Arbeit, ziehen eine Sinn aus ihrer Tätigkeit, gehen gerne zur Arbeit, sind seltener krank, fühlen sich als wirksamer Treiber für ein gesellschaftlich relevantes Thema. Auch Kunden lassen sich begeistern, tragen das Unternehmen stolz nach außen, reden gut über die Produkte und Dienstleistungen und identifizieren sich mit dem Unternehmen.

Alexander: Ich möchte noch einmal auf einen anderen Zusammenhang verweisen, den wir in den letzten Jahren verstärkt wahrgenommen haben. Unternehmen, die Nachhaltigkeit als Wert verstehen und sich entsprechend konsequent positionieren bzw. danach ausrichten, sind ökonomisch erfolgreich (z.B. bekommen sie die besseren Mitarbeiter*innen!). Aber nicht jedes ökonomisch erfolgreiche Unternehmen ist auch nachhaltig. Je weiter sich das Unternehmen von den basalen Werten in Richtung transformationaler Werte entwickelt, um so mehr werden Chancendimensionen von Nachhaltigkeit entfaltet.

Redaktion: Wenn ich Euch richtig verstehe, könnte Nachhaltigkeit auch sinnstiftend sein und wäre dann ein transformationaler Wert?

Markus: Definitiv. Viele Unternehmen starten deshalb Projekte zur (Weiter-)Entwicklung ihres purposes, wobei Nachhaltigkeit immer einen zentralen  Stellenwert  bildet.  Die Kampagne „#PositiverBeitrag“ der Deutschen Bank ist ein gutes Beispiel. Die Deutsche Bank war im Zusammenhang der Finanzmarktkrise besonders unter Druck geraten und korrigiert bis heute die Folgen einer extremen Shareholder-Value-Steuerung. Sinn und Zweck des Unternehmens werden grundlegend überdacht. Die Deutsche Bank hatte ein rein ökonomisches Nachhaltigkeitsverständnis auf einer basalen und funktionalen Ebene.

Es gibt gute Beispiele, die diese Transformationsumstände nutzen, um sich explizit nachhaltig auszurichten. Die GLS-Bank und die Bank Tomorrow verfolgen eine konsequente Nachhaltigkeitsorientierung auf allen vier Ebenen. Die GLS-Bank ist vorbildlich in der Wirkungskette „Haltung-Handlung-Wirkung“ und im Strategie-Struktur-Kultur-Mix. Beide Banken brauchten allerdings keinen Transformationsprozess, weil die Mitarbeiter entweder von Anfang an dieser Vision folgten (GLS-Bank) oder aber es fast gar keine Mitarbeiter gibt, weil das Unternehmen als Digital-Unternehmen neu gegründet wurde (Tomorrow). Sparkassen und Genossenschaftsbanken haben das Potential, diese Entwicklung in den kommenden Jahren ebenfalls erfolgreich anzugehen.

Redaktion: Welche Rolle spielt dabei die digitale Kommunikation?

Markus: Unternehmen müssen ihren Sinn digital kommunizieren, z.B. GLS-community. Man kann über Haltung, Handlung, Wirkung digital kommunizieren. Klassisches Reporting ist out. Das packen wir als nächstes an.

Redaktion: Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute für Sie und das gesamte concern-Team in den kommenden 10 Jahren!

Über die Autoren

Dr. Markus Groß-Engelmann ist geschäftsführender Partner der concern Unternehmensberatung. Er war zuvor für eine der größten internationalen Finanzdienstleistungsgruppen als geschäftsführender Direktor tätig. Langjährige Beratungserfahrung erwarb er als Projektleiter in einer internationalen Unternehmensberatung und engagierte sich parallel als Dozent an der Universität Köln, Bayreuth und an der Akademie des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes. Markus Groß-Engelmann absolvierte Studium und Promotion der Betriebswirtschaftslehre an der Universität Köln.

Prof. Dr. Dr. Alexander Brink ist Professor für Wirtschafts- und Unternehmensethik an der Universität Bayreuth und Gründungspartner der concern Unternehmensberatung. Als Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher und Zeitschriften führt er Projekte mit namhaften Unternehmen in den verschiedensten Branchen durch. Bei concern verantwortet er die Weiterentwicklung und wissenschaftliche Fundierung innovativer Konzepte insbesondere zu Ethik, Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz. Alexander Brink absolvierte ein Doppelstudium und eine Doppelpromotion in Wirtschaftswissenschaften und Philosophie.

Weitere Infos: https://concern.de/

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