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Die Natur erobert die stillgelegte Stadt zurück

Achim Halfmann / CSR NEWS

Tier- und Pflanzenwelt profitiert von Ausgangsbeschränkungen

Von Julie Pacorel und Laure Fillon

Paris (AFP) – Vögel zwitschern zwischen den Häuserreihen, Wildschweine spazieren durch die Städte, Delfine tummeln sich im Mittelmeer, in Santigo de Chile läuft ein Puma durch die Straßen: Von den weltweiten Ausgangsbeschränkungen wegen der Coronavirus-Pandemie profitiert besonders die Tier- und Pflanzenwelt, die sich vom menschlichen Einfluss erholen kann.

Angesichts des massiven Rückgangs der menschlichen Interaktionen haben die Wildtiere “freie Bahn, um sich in den Städten zu bewegen”, sagt Romain Julliard, Forschungsdirektor am französischen Nationalmuseum für Naturgeschichte (MNHN). Die Tiere registrieren die plötzliche Ruhe und reagieren darauf. Füchse zum Beispiel “ändern ihr Verhalten sehr schnell”, sagt Julliard. Sei ein Gebiet ruhig, gingen sie dort hin.

In städtischen Parks verbreitete Vögel wie Spatzen, Tauben und Krähen können nach seinen Worten jetzt ihr gewohntes Territorium verlassen und dadurch wiederum Platz für andere Tiere schaffen.

In vielen Städten ist jetzt lautes Vogelgezwitscher zu hören. Viele Vogelarten schweigen, wenn es um sie herum laut ist. Mit dem wegfallenden Lärm singen sie nun aus vollen Kehlen. MNHN-Akustikexperte Jérôme Sueur vermutet, dass die fehlende Lärmbelastung mitten in der Fortpflanzungsperiode auch positive Auswirkungen auf die Brutzeit der Vögel haben könnte.

Die derzeitigen Ausgangsbeschränkungen kommen für viele Arten inmitten ihrer Paarungszeit, wie bei der Erdkröte und dem gefleckten Salamander. Diese würden normalerweise “regelmäßig die Straßen überqueren und dabei überfahren “, sagt Jean-Noël Rieffel, Regionaldirektor des französischen Büros für biologische Vielfalt in Val-de-Loire. Weniger Verkehr könnte jetzt automatisch mehr Nachwuchs bedeuten.

Im derzeit für Besucher gesperrten Nationalpark der Calanques in der Nähe der französischen Großstadt Marseille sind die Behörden überrascht über die Geschwindkeit, mit der sich die Natur erholt. “Die Sturmtaucher, die normalerweise auf vorgelagerten Inseln nisten, versammeln sich jetzt auf dem Wasser”, sagt Parkchef Didier Réault.

Für Romain Julliard jedoch “ist das vielleicht wichtigste Phänomen, dass sich unsere Aufmerksamkeit für die Natur verändert: In ihren Häusern eingesperrte Menschen merken, wie sehr sie die Natur vermissen.” Dafür könnten sie nun die Zeit nutzen, um die Natur von ihren Fenstern und Gärten aus zu beobachten – und neu zu entdecken. So schlägt der französische Vogelschutzbund in seiner Aktion “Eingesperrt, aber auf der Lauer” vor, “das Fenster zu öffnen, die Vögel zu beobachten und sie zu bestimmen”.

In Deutschland, wo keine Ausgangssperre gilt, merkten die Menschen nun, “wie wertvoll Stadtnatur ist”, erklärt Afra Heil, Expertin für Stadtnatur beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). “Parks und andere Grünanlagen bieten auch in Krisen wie dieser in unseren dicht bebauten Städten die Möglichkeit, sich mit Abstand außerhalb der eigenen vier Wände zu bewegen und leisten somit einen positiven Beitrag für das Wohlbefinden.”

Trotz der positiven Nachrichten für Natur und Umwelt ist die Bewegungseinschränkung der Menschen nicht für alle Tiere gut – allen voran Arten, die daran gewöhnt sind, sich von den Abfällen der Menschen zu ernähren. Laut dem französischen Büro für biologische Vielfalt (OFB) wirkt sich auch die durch die Ausgangssperre erzwungene Unterbrechung von Aktionen zur Unterstützung gefährdeter Arten oder zur Bekämpfung invasiver Arten nachteilig aus.

Und auch über die Zeit nach der Quarantäne macht sich das OFB Gedanken und fordert eine organisierte Aufhebung der Ausgangssperren für die Natur. “Es wird ein Bedürfnis nach Natur und eine Überfüllung geben, die für Flora und Fauna ungünstig sein kann”, warnt OFB-Regionaldirektor Rieffel. Die Ruhepause bleibt für die Natur nur von kurzer Dauer.

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