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Algorithmen und die Gier nach Aufmerksamkeit

Paweł Czerwiński auf Unsplash

Es ist keine ganz neue Diskussion, aber sie bleibt aktuell: Welche Verantwortung tragen die Googles, Facebooks und Co. in unserem digitalen Kommunikationsystem?

In einer Zeit, in der Aufmerksamkeit wichtiger ist als Inhalt, Kapitalisierung vor Information steht, ist die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung der Digitalkonzerne relevant.

Von Tong-Jin Smith

Sie sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken: Digitalkonzerne. Einkäufe aller Art erledigen wir online bei Amazon, Ebay oder Alibaba. Wer sich zu einem Thema eingehend informieren will, googelt – das Verb macht schon deutlich, wie präsent das Unternehmen dahinter in unserem Alltag ist.

Nachrichten kommen über Apps zu uns, die wir aus dem Store von Apple oder Google herunterladen, oder über soziale Medien wie Facebook und Twitter, wo wir völlig fremde Menschen als Freunde betrachten und das „liken“, was sie uns zeigen. Auch unsere persönliche Kommunikation ist fest in den Händen von Google und Microsoft, denn kaum eine Email, die nicht via Gmail oder Outlook verschickt, oder ein Dokument, dass nicht mit Google Docs oder Word erstellt wird. Und wer fremd in einer Stadt ist, verlässt sich auf Google Maps – auch wenn es dafür Alternativen gibt.

Ein Leben und Arbeiten ohne die „fürchterlichen Fünf“, wie New York Times Kolumnist Farhad Manjoo Amazon, Apple, Facebook, Alphabet (das Mutterunternehmen von Google) und Microsoft nennt, ist heute kaum denkbar – und das weltweit. Wir betrachten sie als öffentliche Infrastruktur und machen sie zu Monopolisten in ihren jeweiligen Gebieten. So nimmt es nicht Wunder, dass diese fünf amerikanischen Techgiganten weltweit zu den wertvollsten Konzernen zählen.

Ihre globale Dominanz beruht allerdings nicht auf der Erfindung eines genialen Produkts, sondern auf der Bereitstellung einer Transaktionsplattform und dem damit verbundenen klugen Einsatz von Algorithmen und der Auswertung von Daten – unseren Daten. Letztere dienen nicht zuletzt dazu, uns genau das zu zeigen, was wir suchen. Egal, ob es sich um ein Paar Wanderschuhe handelt oder um aktuelle Nachrichten. Das macht diese digitalen Intermediäre zu unseren persönlichen Kuratoren und Agenda-Settern. Sie bestimmen, was wir online sehen, welche Produkte wir kaufen, worüber wir nachdenken und wie wir politisch handeln.

Gefahren der Personalisierung

Für Psychometriker Michal Kosinski steht fest, dass insbesondere unsere Smartphones einem detailierten psychologischen Dauerfragebogen ähneln, den wir bewußt oder unbewußt konstant ausfüllen. Auf der Basis der so ermittelten Daten – etwa unseren Likes auf Facebook, Retweets auf Twitter, der Anzahl unserer Kontakte oder Profilbilder – sei es möglich, psychologische Profile von jedem einzelnen Nutzer zu erstellen und ihm oder ihr passgenaue Informationsangebote zu unterbreiten.

Umgekehrt sei es möglich, Menschen mit ähnlichen psychologischen Profilen, Interessen oder politischen Einstellungen entsprechend ihrer Vorlieben, Ängste oder Weltanschauungen gezielt zu manipulieren, so Kosinski. Diese Erkenntnis hat den Forscher schon lange vor Bekanntwerden der psychometrischen Einflussnahme auf amerikanische Wählerinnen und Wähler während des Präsidentschaftswahlkampfs 2016 dazu veranlasst, Warnungen auszusprechen. Aber ernst genommen hat man ihn nicht. Und so konnte Cambridge Analytica ungehindert Daten von amerikanischen Facebook-Nutzern kaufen, auswerten und dann gezielt bezahlte Posts in der Timeline von spezifischen Wählergruppen veröffentlichen, um etwa gegen Hillary Clinton zu mobilisieren.

Der Fall „Cambridge Analytica“ ist nun Teil der Zeitgeschichte und das Datenanalyse-Unternehmen insolvent. Facebook hat seinen Algorithmus geändert und betont heute wieder seine gesellschaftliche Mission. Miranda Sissions, Menschenrechtsaktivistin und seit Juli 2019 bei Facebook als Director of Human Rights, ist sich aber bewußt, dass weiterhin Hass und Fake News aus der digitalen in die reale Welt überschwappen. Sei es in Myanmar, Sri Lanka, den Philippinen, Indien oder Brasilien, wo Minderheiten aufgrund von Social Media Kampagnen verstärkt marginalisiert und verfolgt werden. Oder auch in Europa, wo rechtsextreme und rassistische Gruppierungen wie die Idenitäte Bewegung soziale Medien nutzen, um vor allem junge Menschen ideologisch zu beeinflussen und Hass gegen „die Anderen“ zu schüren.

Desinformationsindustrie als Wachstumsbranche

Facebook ist sich seiner Rolle in der Verbreitung von Desinformation durchaus bewußt, agiert aber für Kritiker trotz ausreichender Ressourcen zu langsam und teilweise kontraproduktiv. „Wir haben aber nicht den Luxus, das Problem nur in Demokratien zu konfrontieren, sondern überall dort, wo die Plattform genutzt wird“, betont Sissions auf einer Podiumsdiskussion. „In den vergangen zwei Jahren hat und musste Facebook sich in der Mis- und Desinformationswelt anstrengen.“ Die Herausforderung bestehe allerdings darin, Probleme auf lokaler Ebene möglichst schnell zu idenifizieren und die Verbreitung von entsprechenden Inhalten zu verlangsamen bzw. zu stoppen und Akteure von der Plattform zu entfernen, die den Betreibern fast immer einen Schritt voraus seien.


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Autorin

Dr. Tong-Jin Smith ist Hochschuldozentin und freie Journalistin. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin (Tong-Jin.Smith@csr-magazin.net).

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