Klimaschutz Nachrichten

Siemens-Spitze wegen Kohleprojekts unter Druck

New New Oakleigh Mine in Rosewood, Queensland (Foto: Shiftchange)

Hauptversammlung: Kritik von Umweltschützern und Aktionären – Kaeser nennt Angriffe “fast grotesk”

Von Ralf Isermann

München (AFP) – Die Siemens-Spitze um Konzernchef Joe Kaeser hat sich auf der Hauptversammlung in München Protesten von Umweltschützern und Kritik von Aktionärsvertretern wegen der Beteiligung an einem Kohleprojekt in Australien stellen müssen. Etwa 130 Menschen demonstrierten am Mittwoch vor der Hauptversammlung, auf dem Aktionärstreffen griffen auch Anteilseigner den Vorstand an. Kaeser reagierte gereizt auf die Anwürfe von Umweltaktivisten – diese seien “fast grotesk”.

Die zu verschiedenen Umweltschutzgruppen zählenden Demonstranten trugen Plakate mit Aufschriften wie “Australien brennt” und “Die Erde hat Fieber”.

Der Protest richtet sich gegen einen Vertrag von Siemens für die Schienensignalanlage einer riesigen Kohlemine des indischen Adani-Konzern im australischen Bundesstaat Queensland.

An den Protesten beteiligte sich auch die Jugendbewegung Fridays for Future. Eine aus Australien zu der Hauptversammlung angereiste Aktivistin der Gruppe, die 17-jährige Varsha Yajman, sagte der Nachrichtenagentur AFP zu dem Projekt, das Kohlebergwerk zerstöre den Lebensraum der australischen Ureinwohner. “Adani ruiniert ihr Land, Adani nimmt ihr Land.”

Yajman warf Kaeser vor, falsche Informationen über die Haltung der Aborigines zu dem Projekt zu verbreiten. Anders als von ihm behauptet, hätten diese nicht mehrheitlich für das Projekt gestimmt.

Auch die nach eigenen Worten als Vertreterin der indigenen Bevölkerung der betroffenen Region nach München gekommene Murrawah Johnson sagte, die Ureinwohner seien gegen das Projekt. “Siemens muss den Vertrag mit Adani sofort auflösen.”

Kaeser sagte unmittelbar vor Beginn der Hauptversammlung, es sei “fast grotesk, dass wir durch ein Signaltechnik-Projekt in Australien zur Zielscheibe zahlreicher Umweltaktivisten geworden sind”.

Auf der Veranstaltung selbst sagte er dann, “Siemens steht im Mittelpunkt der Klimadebatte.” Es gebe viele Meinungen und Emotionen. Dies habe damit zu tun, dass Siemens das gesamte Bild des Auftrags in Australien “nicht richtig und rechtzeitig” gesehen habe.

Auf der Hauptversammlung kritisierten auch Aktionärsvertreter den Vertrag mit Adani. Die Aktionärsschützerin Daniela Bergdolt sagte, es scheine bei Siemens Defizite im Verfahrensablauf gegeben zu haben. Diese müssten abgestellt werden. Bergdolt widersprach aber Forderungen, Kaeser wegen des Geschäfts das Vertrauen zu entziehen.

Vera Diehl, Portfolio-Managerin bei Union Investment, sprach von einem “Adani-Desaster”. Siemens mache heute schon durch sein Umweltportfolio mehr als ein Drittel aller seiner Umsätze – da sei es umso unverständlicher, wie es zu solch einem Vertrag habe kommen können.

Zur Hauptversammlung veröffentlichte Siemens auch die Zahlen für das erste Quartal seines Geschäftsjahres, das am 1. Oktober begonnen hatte. Demnach verbuchte der Konzern einen Nettogewinn von 1,089 Milliarden Euro. Das entspricht einem Rückgang um drei Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal. Der Umsatz stieg leicht um ein Prozent auf 20,317 Milliarden.

“Nach einem fulminanten Jahresendspurt hat das neue Geschäftsjahr wie erwartet eher verhalten begonnen”, kommentierte Kaeser die Zahlen in einer Mitteilung. Die Jahresprognose werde gleichwohl aufrecht erhalten. Demnach rechnet der Konzern damit, dass die Umsatzerlöse “moderat ansteigen”.

Siemens macht zum einen die generelle Abkühlung der Weltwirtschaft zu schaffen. Zum anderen leiden die Münchner unter geringerer Nachfrage nach bestimmten Produkten wie etwa Turbinen für Gaskraftwerke.

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