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Mit technischen Innovationen den sozialen Zusammenhalt stärken

Grafik: Unsplash+

Der Einfluss von KI auf Gesellschaft und Demokratie

München (csr-news) – Die BMW Foundation Herbert Quandt hat im November 2023 ihr Mission Statement geschärft. Darin heißt es: „Durch wirtschaftliche Transformation stärken wir Gesellschaften und Demokratien und legen den Grundstein für eine gerechtere und lebenswertere Zukunft.“ Was das mit Blick auf die Entwicklung Künstlicher Intelligenz (KI) bedeutet, darüber sprach CSR NEWS mit der Stiftungsvorständin und promovierten Ingenieurwissenschaftlerin Heba Aguib. Das Gespräch führte Achim Halfmann.

Frau Aguib, wie blicken Sie auf die Entwicklung von KI – und deren Impact für unsere Gesellschaft und unsere Demokratie?

Dr. Heba Aguib: Wir sind im KI-Zeitalter angekommen und viele sind sich der hohen Veränderungsgeschwindigkeit sowie der Chancen und Risiken bewusst. Die Diskussion ist heute nicht, ob wir KI wollen, sondern wie wir damit starke Gesellschaften und Demokratien schaffen können, statt sie vorwiegend als Bedrohung zu sehen.

KI ist eine starke Macht, steuert Wahrheiten und Fakenews, schafft Vertrauen oder Misstrauen, fördert Transparenz oder Intransparenz. 2024 ist ein Jahr der Wahlen: Die Hälfte der Weltbevölkerung wird zu den Urnen gehen. Und welche Wirkung digitale Manipulationen entfalten können, haben wir 2016 bei der Wahl Trumps oder beim Brexit-Referendum im selben Jahr gesehen.

Im Blick auf die Wahlen wird das Thema Fakenews auf bundes- und europapolitischer Ebene diskutiert. KI stärkt den Einfluss und die Verbreitung von Fakenews. Was ist zu tun?

Die philippinische Journalistin Maria Ressa wies im Februar auf der Münchener Sicherheitskonferenz darauf hin: Fakenews verbreiten sich sechsmal schneller als echte Nachrichten. Und sie erreichen Zielgruppen – etwa unter jungen Menschen -, die von Nachrichtenmedien nicht erreicht werden. Auch deshalb ist es so wichtig, dass Menschen gut informierte und bewusste Entscheidungen treffen können – im Blick auf ihre politischen Präferenzen ebenso wie im Blick auf den Einsatz von KI.

In Europa begegnen wir der KI-Entwicklung vor allem mit regulatorischen Initiativen. Wenn wir über den europäischen Tellerrand hinausschauen, sehen wir, dass auch in den Ländern des globalen Südens digitale Technologien auf dem Vormarsch sind. Dort werden europäische Entwicklungen wegen der hohen Bedeutung des Datenschutzes und ihrer Werteorientierung geschätzt. Und das Vertrauen in europäische Demokratien ist hoch: Andere Weltregionen schauen darauf, wie wir in Europa mit KI-Technologien umgehen. Weltweit herrscht die Überzeugung vor, dass die europäische Innovationskraft sehr hoch ist und wir einen Weg in die Veränderungen zeigen können.

Westliche Demokratien müssen jetzt liefern und zeigen, dass wir uns weltweit gegenseitig stärken und unterstützen. Deshalb müssen wir in Europa darauf achten, dass nicht die KI-Risiken im Vordergrund stehen, sondern dass wir die Chancen sehen und nutzen und Investitionen in KI-Entwicklungen fördern. Wenn wir das nicht tun, werden wir abgehängt und andere bestimmen, wie diese Technologien entwickelt werden und welchen Einfluss sie auf Gesellschaften und Demokratien weltweit nehmen können. Derzeit sind es nicht-europäische Staaten, die ihre KI-Technologien in den globalen Süden exportieren.

Sie plädieren dafür, die Chancen der KI-Entwicklung stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken.

Dr. Heba Aguib (Foto: BMW Foundation)

Ja, denn KI fördert an vielen Stellen die Entwicklung unserer Gesellschaft. In meiner eigenen beruflichen Entwicklung habe ich gesehen, welche Fortschritte in der Medizin durch die KI-unterstützte Auswertung von Bildern möglich sind. Mit KI können wir die Energiewende beschleunigen und Maßnahmen gegen den Klimawandel voranbringen.

Als Stiftung blicken wir insbesondere darauf, wie technische Innovationen den sozialen Zusammenhalt stärken können. Unsere Gesellschaft darf sich nicht in Gewinner und Verlierer aufspalten. Gerade in Umbruchsituationen haben viele Menschen das Gefühl, nicht gehört zu werden.

In einer Kooperation mit dem Bundespräsidenten, der Carl-Zeiss-Stiftung und dem Center for Responsible Research and Innovation des Fraunhofer IAO arbeiten wir dazu handlungsorientiert: Im Rahmen der gemeinsamen Veranstaltungsreihe „Werkstatt des Wandels“ besuchen wir – gemeinsam mit dem Bundespräsidenten – Orte gelungener Transformation wie Carl Zeiss in Jena oder Siemens Engineers in Erlangen. Dort ist ganz praktisch zu sehen, wie verantwortliche Schritte in die digitale Zukunft aussehen können. Und bei diesen Besuchen vernetzen sich Akteure aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft.

Bei aller unternehmerischer Kreativität wird es einen gesellschaftlichen und politischen Rahmen brauchen, der eine verantwortungsvolle KI-Entwicklung sicherstellt.

KI ist menschengemacht und wird von Menschen genutzt. Wir Menschen sind es, die Entscheidungen über den KI-Einsatz treffen, das darf nicht vergessen werden.

Im Blick auf die KI-Entwicklung brauchen wir einen systemischen Ansatz: Dazu gehören verantwortungsvolle Innovationen ebenso wie Bildung. Es geht darum, dass unsere Kinder „Digital Literacy“ erwerben, erkennen, wie uns Digitalität beeinflusst, und so zukunftsfähig werden.

Es geht aber auch um Weiterbildungsangebote für Menschen, die bereits im Berufsleben stehen. Diese Menschen dürfen auf dem Weg in eine zunehmend digitale Zukunft nicht verloren gehen.

Wichtig ist mir, dass wir bei der Rahmensetzung nicht auf der regulatorischen Seite stehenbleiben. Es braucht eine umsetzungsorientierte Regulatorik mit Bedingungen, unter denen Zukunftsentscheidungen getroffen und in KI investiert werden kann. Deutschland besitzt Innovationskraft und kann durch Technologieentwicklung weltweit Einfluss nehmen. Es hilft jetzt nicht, zu lange zu diskutieren und Innovationen zu verzögern. Wir brauchen eine Haltung, die mutig ist – und implementierungsfreundlich.

Im Blick auf die Chancen der europäischen KI-Entwicklung sagen manche, dass der Zug bereits abgefahren ist – ohne uns.

Nein, es gibt durchaus Beispiele europäischer Unternehmen, die global kompetitiv sind. Und auch wenn wir im Blick auf die Skalierung von KI-Lösungen zurück liegen: Unsere Universitäten und wissenschaftlichen Institutionen sind in der sogenannten „Deep Tech“-Forschung weiterhin führend. München etwa ist ein ausgezeichneter Deep Tech-Standort.

Wir müssen Strategien entwickeln, wie wir auch in der KI-Implementierung an die Weltspitze anschließen können. Europäische Unternehmen konkurrieren dabei mit Konzernen, deren Umsatz größer ist als das Bruttoinlandsprodukt mehrerer Staaten zusammengenommen.

Aus einer Innovations- und Umsetzungsperspektive finde ich, dass gerade die Skalierung innovativer Lösungen aktiv vorangetrieben werden sollte. Ich denke etwa an KI-Technologien, die mithilfe von Satellitenbildern den Ressourceneinsatz in der Landwirtschaft verbessern. Oder an Technologien zum Carbon Capturing. Europäische KI-Startups sind gerade in den Bereichen Umweltschutz und Energiewende stark. Entwicklungen in diesen Bereichen müssen schnell zur Marktreife getrieben werden. Dafür braucht es Investitionsinitiativen.

Haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

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