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„Wir vermitteln die typischen Wirkmechanismen in Deutschland“

Besuch bei der Westnetz GmbH in Neuss (Foto: Kompass D)

Unternehmerprojekt Kompass D bereitet „Neu-Neusser“ auf das Berufsleben vor

Neuss (csr-news) – Etwas mehr als 400 junge Menschen haben seit 2016 von den Angeboten des Unternehmerprojekts „Kompass D“ profitiert: Die heute vom Rhein-Kreis Neuss, der Stadt Neuss und Unternehmen getragene Initiative bietet jungen Menschen zwischen 17 und 25 Jahren mit oder ohne Migrationshintergrund Unterstützung durch Lotsen, Kulturvermittlung, ergänzenden Unterricht und Bewerbungstrainings.

Kompass D vernetzt dazu die unterschiedlichen Akteure wie Berufsschulen, Jobcenter, Berufsbildungswerke, Sozialeinrichtungen und Unternehmen. Über 50 Firmen aus dem Kreisgebiet und der Stadt Neuss haben sich bisher mit Geld oder Zeit in dieses Netzwerk eingebracht und Menschen mit Migrationshintergrund Praktika oder eine Ausbildung ermöglicht. Gegründet wurde Kompass D im Jahr 2015, dem Zeitpunkt der sogenannten „Flüchtlingswelle“.

Zentral: die Kulturvermittlung

Der Kontakt zu jungen Geflüchteten entsteht in den Integrationsklassen an allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen. Die jungen Menschen dort bereitet Kompass D mit Angeboten an drei Nachmittagen auf ein Praktikum oder einen Ausbildungsbeginn vor. An zwei der Nachmittage geht es vor allem um Arbeits- und Gesellschaftskunde, an einem Nachmittag – dem „Unternehmertag“ – werden Unternehmen besucht, um potentielle Ausbildungswege, Praktikums- oder Ausbildungsstellen kennenzulernen. Jan Wucherpfennig ist als Oberlotse bei Kompass D für ein Team von weiteren vier Lotsen verantwortlich und koordiniert den Einsatz von ergänzenden Lehrkräften. Kulturvermittlung ist ihm besonders wichtig. „Wir vermitteln die typischen Wirkmechanismen in Deutschland“, sagt Wucherpfennig.

Einmal wöchentlich bieten die Lotsen einen ergänzenden Alphabetisierungskurs an, zudem gibt es ein Bewerbungscoaching und es werden mit den jungen Menschen Lebensläufe erstellt. „Gerade richten wir einen weiteren Mathekurs ein“, so Wucherpfennig. Zusätzliche Angebote gebe es mit fünf vertiefenden Deutschkursen in den Niveaustufen A1 bis B2 an Samstagen in der Volkshochschule Neuss und den Ferienakademien, die ebenfalls den Spracherwerb unterstützen und zu weiteren Themen informieren.

Das Hineinfinden in die deutsche Kultur und der Spracherwerb seien die großen Herausforderungen für junge Geflüchtete, die hier „Neu-Neusser“ genannt werden, so Wucherpfennig. In diesem Begriff zeige sich di Akzeptanz dafür, dass diese als bleibeberechtigt anerkannten jungen Menschen hier eine neue Heimat finden werden.

Der Oberlotse weiter: „Das Sprachelernen braucht Zeit“. Viele Neu-Neusser träumten von einem Studium, was sich in einem überschaubaren Zeitrahmen für viele allerdings nicht verwirklichen ließe. „Es gibt in Deutschland andere, neu zu erkennende, gute und bewährte Wege in den Beruf, die Sicherheit und ein gutes Einkommen bieten“, sagt Wucherpfennig mit Blick auf die duale Ausbildung. „Deshalb stellen wir etwa auch die Ausbildung zur Pflegefachkraft als einen ersten Schritt als Alternative zu einem Medizinstudium vor.“

Gesellenbrief als Integrationschance

Der Unternehmer Johann-Andreas Werhahn koordiniert die Arbeit im Kompass D ehrenamtlich – und ist von der integrativen Wirkung der dualen Ausbildung überzeugt, nicht nur im Handwerk. „Gesellen und Meister haben im Handwerk einen eigenen Stellenwert“, sagt Werhahn. „In der Sekunde, wo ein Neu-Neusser den deutschen Gesellenbrief in der Hand hält, ist völlig egal, woher er kommt. Da zählt nur die erworbene und damit nachgewiesene Qualifikation; das ist eine große Chance.“

Der Weg dorthin ist eine Herausforderung, da die jungen Geflüchteten mit den Angeboten von Kompass D sieben bis zehn Stunden Mehrarbeit pro Woche auf sich nehmen. Wer das schafft, erhält nach einem Jahr ein erstes deutsches Abschlusszertifikat. „Darauf stehen keine Schulnoten, sondern eher das, was wir früher ‚Kopfnoten‘ genannt haben“, sagt Werhahn. Etwa drei Viertel der gestarteten jungen Leute erlangen dieses Zertifikat, davon konnte wiederum etwa ein Viertel sofort in eine Ausbildung vermittelt werden. Die anderen versuchen regelmäßig, den Realschulabschluss zu erreichen.

Das Team von Kompass D (ganz links Oberlotse Jan Wucherpfennig, in der Mitte Unternehmer Johann-Andreas Werhahn) (Foto: Miriam Lenz / Kompass D)

Duale Ausbildung als Studienalternative

Dass die Ausbildung junger Neu-Neusser eigene Hürden mit sich bringe, wüssten die ausbildenden Unternehmen. Werhahn weiter: „Aber auch die Ausbildung hier geborener junger Menschen bringt Herausforderungen mit sich.“ Wenn sich Probleme in der Lehre abzeichneten, nähmen manche Firmen gerne die Unterstützung durch Lotsen von Kompass D in Anspruch.

„Anfangs hatten manche Unternehmen Sorge, die Kooperation mit Kompass D oder die Beschäftigung Geflüchteter könnte ein Wettbewerbsnachteil sein“, sagt Werhahn. Nach dem Motto: Hier gehen Ausbildungsplätze für deutsche Jugendliche verloren. Für Werhahn war das nie ein Thema – und angesichts des Fachkräftemangels sei das heute keine Frage mehr.

Doch die gesellschaftlichen Diskussionen rund um den Rechtsextremismus und Phantasien einer massenhaften Ausweisung von Menschen mit Migrationshintergrund bleiben auch den Kursteilnehmerinnen und -teilnehmern von Kompass D nicht verborgen. Wucherpfennig berichtet: „Von zwei unserer jungen Leute wissen wir, dass sie bei den Demokratie-Demos mit auf die Straße gegangen sind. Ich finde es mutig, dass nicht nur wir uns für unsere Klientel einsetzen, sondern dass diese jungen Leute für sich selbst streiten.“

Das Projekt im Web: http://kompassd.de/

Besuch in den Bildungszentren des Baugewerbes (Foto: Kompass D)

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