Gleichberechtigung ist ein Schlüssel für eine nachhaltige Entwicklung in Afrika. Gleichberechtigung bedeutet Zugang zu Bildung, Einkommen, Land und Wasser, medizinischer Versorgung und einem menschenwürdigen Leben für Männer wie für Frauen. Wichtige Meilensteine auf dem Weg in eine geschlechtergerechte Zukunft sind die politische Partizipation, der Rechtsstatus und die ökonomischen Handlungsmöglichkeiten von Frauen. Sinnvolles Ressourcenmanagement setzt Verfügungsrechte und die Mitbestimmung in Entscheidungsgremien voraus. Die Herausforderung besteht darin, die Kluft zwischen dem rechtlichen oder politischen Rahmen und der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu überbrücken.
Wenn der Anteil von Frauen in politischen Entscheidungsgremien hoch ist, wird dies in der Regel als Beitrag zur Gleichberechtigung gedeutet. Doch der quantitative Anstieg von Parlamentarierinnen und Ministerinnen ist keine Garantie für qualitative Verbesserungen der Lebensrealität armer Frauen – auch nicht in Afrika. Zwar sind beispielsweise 48,8 Prozent der Parlamentsmitglieder in Ruanda Frauen, doch gleichzeitig weist dieses Land hohe Raten an geschlechtsspezifischer Gewalt und HIV/AIDS auf. Ähnliches gilt für Uganda und Südafrika, die wegen ihres großen Anteils von mehr als 30 Prozent Frauen in politischen Führungsämtern ebenfalls immer wieder gerühmt werden. Allerdings sind dort sogar namhafte Politikerinnen mit häuslicher Gewalt konfrontiert, wodurch deren Ehemänner ihre Dominanz zu beweisen versuchen. Sie verletzen nicht nur die Würde der Frauen, ihr Verhalten ist auch ein Symbol für die Missachtung globaler Leitlinien zur Geschlechtergerechtigkeit, die viele Regierungen unterzeichnet haben und zu deren Einhaltung sie verpflichtet sind.
Quoten sind keine Garantie
Etliche Kaderparteien rühmen sich auf internationalem Parkett gern damit, Gender-Quoten zu erfüllen. Diese weiblichen Mitglieder engagieren sich aber keineswegs automatisch für frauenpolitische Ziele. Viele sind in die Parteidisziplin eingebunden und müssen sich männlich dominierten institutionellen Strukturen anpassen. Auch auf lokaler Ebene ist eine Frauenquote von 30 oder 40 Prozent in politischen Gremien keine Gewähr für eine geschlechtergerechte Politik, denn nicht selten sind die Repräsentantinnen Ehefrauen lokaler Autoritäten. Mancherorts beanspruchen sie sogar Entwicklungsgelder zum Erhalt ihrer Privilegien.
Umso größer ist die Herausforderung für Entwicklungsorganisationen und staatliche Entscheidungsträger, soziale Differenzen zwischen Frauen konstruktiv aufzuarbeiten und insbesondere gesellschaftlich ausgegrenzte Frauen zu erreichen. Denn Armut trägt in Afrika häufig ein weibliches Gesicht und betrifft vor allem mittellose und marginalisierte Teenager-Mütter, geschiedene Frauen und Witwen mit kleinen Kindern. Um ihre strukturellen Probleme zu reduzieren, müssen Machtverhältnisse in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft überwunden werden.
Frauen als Produzentinnen stärken
Für die Existenzsicherung durch landwirtschaftliche Produktion sind vielerorts Frauen verantwortlich, ihre Rechte sind aber immer noch begrenzt. Sie produzieren über 80 Prozent der Grundnahrungsmittel und einen Großteil der agrarischen Exportgüter. Auch im Anbau von Getreide wie Hirse oder Mais verfügen Frauen über umfangreiche agrar-ökologische Kenntnisse. Diese ermöglichen sogar unter ariden Bedingungen und klimatischen Turbulenzen eine angepasste Landwirtschaft. In vorkolonialer Zeit verrichteten Männer in vielen Gesellschaften nur ganz bestimmte landwirtschaftliche Aufgaben, weil sie vorrangig Viehzüchter waren.
Während der Kolonialzeit wurden sie vielerorts als Wanderarbeiter in Kohle und Goldminen oder auf Großfarmen rekrutiert. Das führte zu gravierenden sozio-ökonomischen Veränderungen, denn die Männer verdienten sehr wenig und konnten ihre Familien kaum unterstützen. Dennoch galten die Männer aus der Sicht der Kolonialherren als Gehöftsleiter, die man aber erst noch zur Arbeit „erziehen“ müsse. Rassismus und die unreflektierte Übertragung europäischer bäuerlicher Betriebsmodelle auf afrikanische Gesellschaften führten dazu, dass Frauen überhaupt nicht als Produzentinnen wahrgenommen wurden. Gleichzeitig prägte das eng gefasste viktorianische Rollenbild von Frauen als Hausfrauen die Kolonialpolitik.
Unter neuen Vorzeichen setzten sich diese Verzerrungen nach der politischen Unabhängigkeit der Länder fort. Sie verhindern oft noch immer, dass Agrarberater und Entwicklungsexperten Kleinbäuerinnen als kompetente Ansprechpartnerinnen anerkennen und ihre Innovationsinteressen fördern. In den meisten Gesellschaften wird Frauen bis heute das Erbe von Land verweigert. Als Ehefrauen stehen ihnen jedoch Landnutzungsrechte zu. Für eine nachhaltige Sicherung der Bodenfruchtbarkeit ist es wichtig, dass Frauen diese Landnutzungsrechte in Krisenzeiten nicht entzogen werden. Dafür müssten politische Entscheidungsträger auf unterschiedlichen Ebenen Rechnung tragen.
Landrechte für Frauen
In etlichen Ländern setzen sich Frauenorganisation dafür ein, dass Frauen Land- und Erbrechte erhalten. Sie berufen sich dabei auf internationale und innerafrikanische Vereinbarungen zu Frauen- und Menschenrechten. Viele Regierungen haben diese Abkommen unterzeichnet und sind damit zu deren Umsetzung verpflichtet. Der Schutz von Erb- und Landrechten ist in den Gesellschaften besonders wichtig, in denen HIV/AIDS grassieren. Häufig entziehen die Verwandten eines verstorbenen Mannes der Witwe ihre Landnutzungs- und Wohnrechte. Vielerorts werden sie sogar beschuldigt, den Mann infiziert zu haben, obwohl sich die meisten Männer durch ungeschützte außereheliche Sexualkontakte anstecken. Diese gelten als Ausdruck von männlichem Abenteuergeist, Potenz und Risikobereitschaft und nicht nur in Afrika setzen sich Männer gegenseitig unter Druck, diesen Maskulinitätsidealen zu entsprechen.
Die Folgen sind früher oder später für die Männer tödlich und fatal für deren Ehefrauen, die trotz ehelicher Treue ebenfalls infiziert werden. Unter Bezug auf die geschlechtliche Arbeitsteilung müssen sie die an AIDS erkrankten Ehemänner bis zu deren Tode pflegen, was angesichts der aufwendigen Pflege bei schlechter Ausstattung eine große Belastung darstellt. Allein der Wasserverbrauch zum häufigen Waschen ist sehr groß. In ländlichen Gebieten müssen Ehefrauen und Töchter das Wasser über weite Strecken mühsam transportieren und in städtischen Gebieten beschleunigt die Privatisierung der Grundwasserversorgung die Verarmung der Frauen.
Damit wird gegen das Recht auf Wasser als Grundrecht und als wichtige Basis für das international verbriefte Recht auf Gesundheit verstoßen. Dies ist besonders fatal für Mädchen, die sich während der Pflege ihrer AIDS-kranken Väter mit HIV infizieren. Auch Witwen mit kleinen Kindern sind direkt betroffen, denn ihre Potenziale zur eigenen Existenzsicherung werden drastisch beeinträchtigt. Viele müssen trotz eigener HIV-Infektion versuchen, durch arbeitsintensive Tätigkeiten im informellen Sektor zu überleben, was wegen der geringen Verdienstmöglichkeiten und der großen Konkurrenz untereinander schwierig ist.
Südafrika – Vorbild für den Kontinent?
Diese Strukturprobleme sind in Südafrika besonders ausgeprägt. Das Land am Kap gilt in vieler Hinsicht als Vorreiter auf dem Kontinent, jedoch ist die dortige Entwicklung sehr ambivalent. Die zeitgleich verlaufenden, aber gegensätzlichen Dynamiken spiegeln die vielschichtigen Auswirkungen aktueller Globalisierungsphänomene auf Südafrika wider sowie die Ansätze der dortigen Regierung, diese Prozesse mitzugestalten. Dabei sind ihre Handlungsmöglichkeiten und -grenzen unter anderem durch das komplexe historische Erbe beeinflusst, denn Südafrika war lange vor dem 21. Jahrhundert in vieler Hinsicht in globale Wirtschafts- und Migrationsprozesse einbezogen.
Wesentlich war die exzessive Landaneignung durch europäische Siedler, die Anlage von Plantagen für die Weltmarktproduktion und die Rekrutierung von Arbeitskräften aus afrikanischen Gesellschaften, aber auch aus Indien. Ihr ging über mehrere Jahrhunderte der Kauf von Sklaven aus Südostasien voraus. Heute preisen etliche Experten das Wirtschaftswachstum, während Kritiker den zugrunde liegenden neo-liberalen Kurs für Massenentlassungen von Minenarbeitern und Textilarbeiterinnen verantwortlich machen. Eine schwere Bürde für die südafrikanische Ökonomie ist die Tatsache, dass der ANC-Regierung – im Unterschied zur irakischen Regierung nach dem Sturz Saddam Husseins – nicht die Schulden erlassen wurden, für die das Apartheid-Regime verantwortlich war.
Während Nelson Mandela nach 1994 ein umfassendes nationales Wiederaufbau- und Entwicklungsprogramm in Gang setzte, vollzog sein Nachfolger Thabo Mbeki eine Trendwende und setzte auf neo-liberale Wirtschaftspolitik. Dabei wurde die Entwicklungsförderung ländlicher Regionen aufgegeben. Viele Afrikanerinnen, die in diesen infrastrukturell schlecht erschlossenen Gebieten leben, sind wegen ihrer geringen Bildung, mangelnder ökonomischer Möglichkeiten, gesundheitlicher und rechtlicher Probleme die Verliererinnen des neuen Wettbewerbs. Nur eine kleine neue schwarze Elite profi tiert vom Kurs der Mbeki-Regierung, die damit soziale Spannungen verstärkt. Daran ändert die nach Geschlechterkriterien geplante Haushaltpolitik – die so genannten Gender-Budgets – ebenso wenig wie die zahlreichen Gleichstellungsgremien, die von der ANC-Regierung installiert wurden. Während die Gender-Budgets unter drastischen Mittelkürzungen leiden, ist der politische Einfl uss der Gender- Abteilungen gering. Gegensätze prägen auch den Rechtsbereich: Das Land am Kap hat eine vorbildliche Verfassung, in der ausdifferenzierte Frauen- und Menschenrechte sowie der Schutz vor Gewalt verankert sind. Während der letzten Jahre wurde auch das Ehe- und Erbrecht reformiert, so dass minderjährige Töchter im Todesfall ihrer Väter offi ziell Rechtsansprüche auf Land haben. Dafür hatten sich Frauen-Rechtsorganisationen vehement eingesetzt. Allerdings ist es sehr schwierig, diese Rechtsreformen in der Realität umzusetzen. Vielerorts stemmen sich traditionelle Autoritäten mit allen Mitteln gegen derartige Veränderungen.
Ein Weg aus der Gewaltkultur
Mit landesweit offiziell über 18 Prozent HIV-positiven Menschen hat Südafrika eine der höchsten HIV-Raten weltweit. In etlichen Provinzen sind sogar über 30 Prozent der Schwangeren HIV-positiv. Viele Frauen und Mädchen infizieren sich durch sexuelle Gewaltakte. Jährlich werden über 50.000 Vergewaltigungen polizeilich registriert und selbst die Polizei geht davon aus, dass diese Zahlen nur ein Bruchteil der real verübten Vergewaltigungen dokumentieren. Sexualisierte Gewalt ist ein Element der südafrikanischen Gewaltkultur, die während der weißen Siedlerherrschaft seit 1652 etabliert wurde. Gewalt als Machtbeweis geht nicht erst auf das zwischen 1948 und 1994 herrschende Apartheidregime zurück, sondern wurde insbesondere auf weißen Farmen über Jahrhunderte eintrainiert. Dort wurden schwarze Arbeiter auf den Status unmündiger Jungen herabgesetzt und über viele Generationen schikaniert und misshandelt. Ähnliches betraf die Goldund Kohleminen, in denen mehrere hunderttausend Afrikaner seit Anfang des 20. Jahrhunderts für miserable Löhne schufteten.
Ihre systematische und rassistische Entwürdigung hinterließ Spuren, die sich im Gewalthandeln etlicher Männer zeigen. So reagieren manche Ehemänner auf Kleinkredit- und wirtschaftliche Empowerment-Programme für Frauen mit häuslicher Gewalt. Sie fühlen sich durch die einseitige Förderung in ihrem Selbstverständnis als Familienvorstände angegriffen. Umso wichtiger wäre es, die Männer bereits in die Programmplanung mit einzubeziehen und ihnen Foren zur kritischen Aufarbeitung des entwürdigenden historischen Erbes zu geben. Zwar haben die Arbeiter inzwischen ein Recht auf Mindestlöhne, es bleibt jedoch eine Herausforderung, die rassistischen Gewaltstrukturen zu überwinden.
Die Einhaltung neuer Rechtsstandards und ein respektvoller Umgang müssen mühsam eingeübt werden. Dazu sind weiterhin umfassende Anstrengungen von Staat und Zivilgesellschaft notwendig. Das Fallbeispiel Südafrika zeigt, dass die historischen Dimensionen aktueller Globalisierungsprozesse beachtet werden müssen, um Probleme und Widersprüche zu verstehen. Nur wenn man sich mit den zugrunde liegenden komplexen Zusammenhängen auseinandersetzt, lassen sich Handlungspotenziale und Grenzen für Geschlechtergerechtigkeit und Nachhaltigkeit ausloten.
Im Profil
Dr. Rita Schäfer ist Ethnologin und forschte mehrere Jahre in Sierra Leone, Simbabwe, Namibia und Südafrika. Sie war Gastprofessorin an der Humboldt-Universität, Berlin, und an der Universität Göttingen sowie Lehrbeauftragte an weiteren deutschen Universitäten. Zudem ist sie als Gutachterin in der Entwicklungszusammenarbeit tätig.
Bild: Die erste Frau, die in Afrika zum Staatsoberhaupt gewählt wurde: Ellen Johnson Sirleaf ist seit 2006 Präsidentin von Liberia (Chip Somodevilla/Getty Images)
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Das Magazin erscheint am 15. September 2008.
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