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Corporate Citizenship in Deutschland. Die überraschende Konjunktur einer verspäteten Debatte


Monday, July 28th, 2008




Ein Gastbeitrag von Holger Backhaus-Maul.

Zwischen Ablehnung und Verantwortungszuweisung
Über Unternehmen wurde und wird in Deutschland in der Öffentlichkeit häufig gesprochen. Seit einigen Jahren erfreuen sich „die“ Wirtschaft und „die“ Unternehmen geradezu einer gewissen Popularität, die mit einer eigenartigen Mischung aus öffentlicher Aufmerksamkeit, Ablehnung und Verantwortungszuweisung einhergeht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg richtete sich im kritischen Teil der Öffentlichkeit der alten Bundesrepublik das Augenmerk auf die politische Mitverantwortung von Wirtschaft und Unternehmen. Zeitgleich wurden in der DDR Groß- und Mittelunternehmen aufgrund weltanschaulicher Präferenzen verstaatlicht und nach der Vereinigung standen ostdeutsche Betriebe zunächst vor existenziellen Herausforderungen. In der alten Bundesrepublik wurde mit der Studentenbewegung der späten 1960er und frühen 1970er Jahre kapitalistisches Wirtschaften grundlegend diskreditiert und dann mit den Mitteln eines investigativen Journalismus „demaskiert“. Diese grundlegend ablehnende Haltung gegenüber Wirtschaft und Unternehmen hat sich in Teilen der deutschen Öffentlichkeit bis heute gehalten. Begriffe wie „Neo-Liberalismus“ und „Heuschrecken“ markieren die vorläufigen Endpunkte dieser Diskussionen, zu der einige Unternehmen ständig neues Material beisteuern.

Gleichzeitig zeigt sich seit Ende der 1990er Jahre in Deutschland ein wachsendes Interesse an wirtschaftlichen Fragen und unternehmerischen Entwicklungen. Mit dem offensichtlichen Bedeutungsverlust staatlichen Handelns und Entscheidens einerseits und der bis ins Alltagsleben von Bürgern wirkenden Globalisierung des Wirtschaftens andererseits rücken Wirtschaft und Unternehmen – etwa gegenüber Politik und Parteien - in den Mittelpunkt öffentlichen Interesses.

Damit wird die grundsätzliche Frage nach der Rolle von Unternehmen in der heutigen Gesellschaft virulent: Während die einen auf neue – international gebräuchliche - Begriffe, wie Corporate Citizenship oder Corporate Social Responsibility, verweisen, erinnern sich andere gerne an spezifisch deutsche Traditionen und Gepflogenheiten einer sozialen Marktwirtschaft und Sozialpartnerschaft zwischen Unternehmen und Gewerkschaften.

Corporate Citizenship in der Sozialen Marktwirtschaft?
In Deutschland trifft die Suche von Unternehmen nach einer neuen Rolle in der Gesellschaft auf ein traditionsreiches, (sozial-) staatlich geprägtes Verständnis von Gesellschaft, das Unternehmen eine staatlich definierte Rolle zuweist, derzufolge sie im Gesetzgebungsverfahren beteiligt sind, Tarifverträge mit Gewerkschaften aushandeln, sich im dualen Ausbildungssystem engagieren, mit einer gewissen Priorität Menschen mit Behinderungen beschäftigen sowie in erheblichem Umfang Beiträge an das System der sozialen Sicherung abführen und – mit einer gewissen Variationsbreite – Steuern zahlen. Dabei gerät oft in Vergessenheit, dass sich Klein-, Mittel- und Großunternehmen zudem freiwillig in beachtlichem Umfang durch Bereitstellung von Geld-, Sach- und Dienstleistungen gesellschaftlich engagieren.

Vor dem Hintergrund eines nach wie vor staatsorientierten Engagementverständnisses in Deutschland wurde die internationale Debatte über das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen, die unter Begriffen wie Corporate Citizenship und Corporate Social Responsibility geführt wird, bis Ende der 1990er Jahre einerseits ignoriert oder als modische Erscheinung ohne substanziellen Neuigkeitswert interpretiert und andererseits wurde – gesellschaftspolitisch äußerst folgenreich - der kritisch-liberale und zivilgesellschaftliche Gehalt der Corporate Citizenship-Debatte US-amerikanischer Prägung ausgeblendet.

Mittlerweile aber hat sich die deutsche Debatte dynamisiert. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wirtschaftlichen und unternehmerischen Handelns befinden sich im Umbruch. Angesichts globaler wirtschaftlicher Prozesse und entsprechend tätiger Unternehmen erodieren die Handlungsspielräume von Nationalstaaten, die Teile ihrer staatlichen Entscheidungs- und Steuerungsfähigkeiten abgeben oder verlieren und zunehmend Private mit der Erbringung öffentlicher Aufgaben beauftragen oder zumindest daran beteiligen. Insofern verliert die soziale Marktwirtschaft als konsensorientiertes Verteilungsverfahren volkswirtschaftlicher Gewinnerwartungen und als normativer politischer Integrationsmodus in Deutschland an Bedeutung.

Gleichzeitig wird deutlich, dass Unternehmen wirtschaftliche Organisationen in je spezifischen, sich dynamisch wandelnden Gesellschaften sind. Zweifelsohne ist die wirtschaftliche Tätigkeit Ausgangs- und Bezugspunkt unternehmerischen Handelns. Der wirtschaftliche Erfolg eines Unternehmens entscheidet über dessen Aufstieg und Bestand. Gegenüber diesem wirtschaftlichen Primärziel ist gesellschaftliches Engagement für Unternehmen nachrangig, gleichwohl aber nicht als „schmückendes Beiwerk“, „gelebtes Brauchtum“ oder „Organisationsfolklore“ fehl zu deuten.

Mit dem sukzessiven Bedeutungswandel und Steuerungsverlust von Nationalstaaten stehen Unternehmen vor der Herausforderung, eigene Beiträge zur Human- und Sozialkapitalbildung sowie zur Gestaltung von Gesellschaft insgesamt zu leisten. So kann das Wirtschaftssystem nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie früher einfach davon ausgehen, dass das Bildungs- und das Erziehungssystem in für Unternehmen ausreichender Menge und Qualität Human- und Sozialkapital bereitstellen; vielmehr fällt dem Wirtschaftssystem selbst sukzessiv Mitverantwortung für die Reproduktion seiner eigenen sozialkulturellen Grundlagen erfolgreichen wirtschaftlichen Handelns zu. Darüber hinaus eröffnet gesellschaftliches Engagement Unternehmen – jenseits der bekannten Pfade politischer Einflussnahme - neuartige gesellschaftliche Möglichkeiten der Mitentscheidung und Mitgestaltung, die - zumindest punktuell - dazu beitragen können, Steuerungsdefizite des politischen Systems zu kompensieren.

Auszug aus: Holger Backhaus-Maul/Christiane Biedermann/Stefan Nährlich/Judith Polterauer (Hrsg.): Corporate Citizenship in Deutschland. Bilanz und Perspektiven. Wiesbaden, VS-Verlag für Sozialwissenschaften, S. 13-42.

Holger Backhaus-Maul, Soziologe und Verwaltungswissenschaftler, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg/Philosophische Fakultät III/Fachgebiet „Recht, Verwaltung und Organisation“; Kontakt: holger.backhaus-maul@paedagogik.uni-halle.de;
www.philfak3.uni-halle.de/paedagogik/rvo/

Foto: Holger Backhaus-Maul (ideazione)

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