Oxford > Die Kritik an Biokraftstoffen wächst. In ihrem vor kurzem veröffentlichten Bericht ‚Another inconvenient truth’ beschreibt die internationale Organisation OXFAM die Kehrseite der von vielen Politikern geliebten Medaille Biosprit und macht die politischen Unterstützer von Biokraftstoffen mitverantwortlich für die weltweite Nahrungsmittelkrise. Anstatt die Auswirkungen von Klimawandel einzudämmen und Armut zu verringern, hat die derzeitige Biokraftstoffpolitik in den Industrieländern nach den Recherchen von OXFAM entgegen gesetzte Auswirkungen: Etwa 30 Millionen Menschen seien bereits in die Armut gerutscht. OXFAM hält Biokraftstoffe bereits jetzt zu 30% für den Anstieg der Lebensmittelpreise verantwortlich sind.
Die NGO fordert mit ihrem Report eine Kurskorrektur der britischen Regierung anstelle der weiteren Erhöhung des Biokraftstoff-Anteils. Im letzten April erst hatte die Regierung in London durchgesetzt, dass Biosprit einen Anteil von 2,5% aller Treibstoffe ausmachen soll – Ziel ist es, diesen Wert bis 2010 zu verdoppeln. Außerdem fordert OXFAM von der britischen Regierung, sich auch auf europäischer Ebene gegen die Pläne einer Erhöhung des Anteils von Biokraftstoffen auf 10% bis 2020 auszusprechen.
Subventionen, Steuervergünstigungen und Tarifregelungen der Industrieländer, die mit 15 Milliarden an Ausgaben ihre eigene Biokraftstoffproduktion unterstützen und zugleich die Interessen der eigenen Landwirtschaft schützen, schafften gleichzeitig eine ‚Steuer auf Nahrung’. In Brasilien hergestelltes Bioethanol, das weitaus weniger verheerende Folgen auf die globale Nahrungssicherung und die Umwelt hat, wird somit vom Markt verdrängt und die eigene Wirtschaft begünstigt, kritisiert OXFAM.
In Zeiten, in denen Klimawandel hoch auf der Agenda der Politiker steht, sieht OXFAM in der Unterstützung von Biokraftstoffen nicht viel mehr als eine unbegründete Beruhigung des Gewissens: Denn angesichts immer knapper werdender Nahrungsressourcen sind Bauern zur Ausweitung der Landwirtschaft gezwungen, auch wenn das Abholzung oder das Eindringen in verletzliche Feuchtgebiete zur Folge hat - deren Wiedergutmachung Jahrzehnte dauern kann.
Auch muss die Hoffnung enttäuscht werden, dass mit Biosprit als Alternative zu Öl der in den Industrieländern vorherrschende Hunger nach Kraftstoffen gestillt werden könne: “Selbst wenn man die weltweiten Gesamtvorräte an Getreide und Zucker morgen in Ethanol umwandeln würde – und es in diesem Prozess für uns alle weniger zu essen gäbe – wären wir nur in der Lage, 40% unseres Benzin- und Dieselkonsums zu decken”, so der Autor des Reports Robert Bailey. Die Bemühungrn im Bereich Biokraftstoffe sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass wirkliche Reformen notwendig sind, die darauf zielen sollten, die Nachfrage nach Öl zu reduzieren und letztendlich das Konsumverhalten des Westens zu verändern. Die Industrieländer jedoch haben die Biokraftstoffpolitik zu Gunsten ihrer eigenen Interessengruppen geformt und nicht um dem Klimawandel entgegen zu wirken, kritisiert der OXFAM-Bericht.
Es werden daher konkrete Empfehlungen an die Industrieländer gegeben: Die Implementierung neuer Biokraftstoffpolitiken, die Armut und Klimawandel eher verstärken als ihnen entgegen zu wirken, müsse gestoppt werden, ebenso Importtarife, die Subventionierung und die Steuervergünstigung für Biokraftstoffe. Entwicklungsländer auf der anderen Seite sollten mit Vorsicht den wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Einfluss von Biokraftstoffen analysieren. Auch Unternehmen und Investoren müssen ihre Verantwortung wahrnehmen: Sie sollten sicherstellen, dass Biokraftstoffprojekte nicht ohne den Konsens der lokalen Gemeinschaften stattfinden und den Produzenten faire und transparente Bedingungen geboten werden.
Der Bericht kann im Internet heruntergeladen werden:
www.oxfam.org.uk/resources/policy/climate_change/bp114_ […]