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Neuerscheinung: Corporate Social Responsibility oder gesellschaftliche Unternehmensverantwortung?


Tuesday, June 24th, 2008




Soeben neu erschienen:

Bernhard Ungericht, Dirk Raith, Thomas Korenjak:

Corporate Social Responsibility oder gesellschaftliche Unternehmensverantwortung? Kritische Reflexionen, empirische Befunde und politische Empfehlungen

224 S., 19.90 EUR, br., ISBN 978-3-8258-1385-7

LIT-Verlag Münster-Hamburg-Berlin-Wien-London 2008

http://www.lit-verlag.de/isbn/3-8258-1385-7

titel

Die im Buchtitel ausgesprochene Frage ist Programm. Die Autoren stellen sie auf mehreren Ebenen neu: Wollen wir eine Verantwortung für oder von Unternehmen, und wie lässt sich eine Unternehmensverantwortung überhaupt begründen? Sind, abseits von CSR als Managementinstrument und freiwillige Selbstverpflichtung, im unternehmerischen Alltag auch andere Verständnisse und Praxen zu finden, und welche Potenziale und Probleme bergen sie? Unter welchen Rahmenbedingungen könnten wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftliche Verantwortung tatsächlich ein Win-Win-Spiel sein, und welche Verantwortung hat dabei die Politik?


Corporate Social Responsibility oder gesellschaftliche Unternehmensverantwortung? – Gut. Schön übersetzt. Aber wozu das Fragezeichen? Ist das nicht ohnehin dasselbe?

Die Gegenüberstellung des vermeintlich Identischen, und die Irritation, die sie womöglich hervorruft – beides ist durchaus beabsichtigt. Der Titel des Buches markiert damit eine Differenz: die Differenz zwischen dem dominanten, an einem funktionalen ökonomischen Konzept der Verantwortung orientierten CSR-Diskurs und Konzeptionen gesellschaftlicher Unternehmensverantwortung, die über diese eindimensionale Bestimmung hinaus gehen.

Die im Titel ausgedrückte Differenz bildet zugleich den Ausgangspunkt für die einleitenden theoretischen Reflexionen, welche den ersten Teil des vorliegenden Buches ausfüllen. Sie sollen die Notwendigkeit und die Möglichkeit einer anderen, verantwortungsvolleren, weil effektiveren und gerechteren Rede von der gesellschaftlichen Unternehmensverantwortung begründen. Dazu wird – aufbauend auf einer Rekonstruktion des von Europäischer Kommission und großen Wirtschaftsverbänden propagierten Ansatzes – der dominante CSR-Diskurs einer „Sprachkritik“ unterzogen. Die Autoren nehmen ihn beim Wort und versuchen zu klären, von welcher gesellschaftlichen Verantwortung hier die Rede ist, was seine theoretischen Voraussetzungen sind, und welche möglichen Folgen ein solches eindimensionales Verantwortungsverständnis zuletzt auch für die alltägliche Moralkommunikation haben könnte. Der zweite Abschnitt dieser theoretischen Reflexionen geht der Frage nach, ob eine korporative Zuschreibung von Verantwortungsfähigkeit, wie sie ja im Begriff der Corporate Social Responsibility angelegt ist, zur Lösung des Verantwortungsproblems beitragen könnte, und wie sie sich begründen ließe.

Im zweiten Teil wird zunächst der bemerkenswerte Richtungswechsel rekonstruiert, den die Europäische Kommission in den Jahren zwischen 2001 und 2006 hinsichtlich ihrer Position zur gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen vollzogen hat. Diese „Wende“ kann als Zwischenergebnis einer laufenden gesellschaftlichen Auseinandersetzung unterschiedlicher Institutionen und Gruppen betrachtet werden. Gegenstand dieser Auseinandersetzung ist die Schaffung (bzw. Verhinderung) institutioneller Rahmenbedingungen, welche das Verhalten von Unternehmen regulieren sollen.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung untersuchen die Autoren anschließend die konkrete Praxis betrieblichen Verantwortungsmanagements. Als Basis dieser Untersuchung dienen Gespräche mit 53 EntscheidungsträgerInnen in sog. CSR-Leader-Betrieben. Dieser Abschnitt beschäftigt sich eingehend mit Verantwortungskonzepten, konkreten Maßnahmen, der organisationalen, prozessualen und strategischen Verankerung sowie mit wahrgenommenen Problemlagen betrieblichen Verantwortungsmanagements.

Im dritten Teil werden auf Basis der theoretischen Reflexionen und empirischen Befunde konkrete Vorschläge für die Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen formuliert, welche gesellschaftlich verantwortungsvolles Unternehmenshandeln unterstützen sollen.

Klammer und zugleich roten Faden dieser mehrschichtigen Analyse bildet dabei folgende Grundannahme: Der dominante CSR-Diskurs definiert, er grenzt ein, was als gesellschaftliche Unternehmensverantwortung gelten soll, und was nicht. Das vorherrschende Verständnis von CSR entspricht dabei im Kern einer funktionalen Verantwortung für das Unternehmen im Kontext einer als autonom gedachten Ökonomie. Das darin häufig geäußerte Bekenntnis, wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftliche Verantwortung seien kein Widerspruch, sondern im Gegenteil ein Win-win, bringt mögliche Synergien zum Ausdruck, die bislang vielleicht vernachlässigt worden sind: Es ist – allgemein gesprochen – durchaus möglich, erfolgreich und verantwortlich zu handeln. Indes, zwischen ökonomischem Erfolg und gesellschaftlicher Verantwortung bleibt eine Differenz, die nicht auflösbar ist und daher nicht weggeredet werden darf. Die verständliche Hoffnung, dass sich das Erfolgsprinzip wirtschaftlichen Handelns in der Art eines freien „Ethikwettbewerbs“ auch in außerökonomischen Beziehungen (zu den diversen Anspruchsgruppen) bewähren würde, blendet somit Ansprüche, die sich nicht als Kosten, Ressourcen oder Kapitale ausdrücken lassen, systematisch aus - ein “trojaneskes” Phänomen.

Ziel des Buches ist es, diese theoretischen und praktischen Beschränkungen des dominanten CSR-Diskurses aufzuzeigen und auf die reale Komplexität und mögliche Alternativen der Wahrnehmung gesellschaftlicher Unternehmensverantwortung hinzuweisen.

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