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Faktor Fünf für künftige Generationen


Wednesday, June 18th, 2008




Ein Beitrag von Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker für FORUM Nachhaltig Wirtschaften.

An Kälte sterben mehr Menschen,Tiere und Pflanzen als an Wärme. Das wissen wir instinktiv alle. „Warm“ ist positiv besetzt, „kalt“ negativ. Wir reden von warmherzig und kaltherzig, von einer warmen und einer kalten Atmosphäre in Sitzungen, Gebäuden und Städten. Aber kann man daraus folgern, dass die globale Erwärmung halb so schlimm ist? Dass wir lieber Geld in die Malariabekämpfung als in den Klimaschutz stecken sollen?

Nein, natürlich nicht! Die Fragen sind einfach falsch gestellt, in vielen Hinsichten. Zunächst handelt es sich bei Malariabekämpfung und Klimaschutz nicht um Alternativen wie bei einer Weggabelung, sondern um miteinander verträgliche gemeinsame Ziele wie Geld für Schulen und Geld für den Rechtsstaat. Ferner können klimabedingte Wetterkatastrophen in den Tropen die Malariabekämpfung erschweren. Und schließlich kann Klimaschutz eine exzellente, sich wirtschaftlich auszahlende Investition sein, ähnlich wie Schulbildung oder Rechtsstaat.

Verdrehte Tatsachen
Diese Art von Fragen verharmlosen, vernachlässigen und verdrehen die Tatsachen. Wenn man behauptet, die ökonomischen Schäden durch Klimawandel würden im ganzen 21. Jahrhundert bloß ein halbes Prozent des Bruttosozialprodukts ausmachen und der durchschnittliche Schaden einer Tonne CO2 sei mit zwei Dollar zu beziffern, dann ist das eine grobe Verharmlosung. Und wenn man gleichzeitig in den Bemühungen zum Klimaschutz nur die Kosten, nicht die Erträge beschreibt, ist das eine Verdrehung. Diese Einstellung ließe sich auch als Hang zu bequemen Unwahrheiten bezeichnen, denn bequem sind diese Verharmlosungen vor allem für die, die ihre trüben Geschäfte ungestört weiter betreiben wollen.

Gegenentwurf Effizienz
Die eigentliche Antwort sollte jedoch nicht das Aufspießen der fehlerhaften Argumentation sein, sondern ein Gegenentwurf, der zeigt, wie sich Klimaschutz schlicht lohnt. Das ist die Absicht des Buches „Faktor Vier“, das ich vor zwölf Jahren mit Amory und Hunter Lovins geschrieben habe und das 50 Beispiele dafür präsentiert, wie man mindestens viermal so effizient mit Energie, Wasser und Bodenschätzen umgehen könnte. Inzwischen ist eine völlige Neubearbeitung im Entstehen mit dem Titel „Faktor Fünf“, das noch etwas ehrgeiziger mit Effizienz und Produktivität umgeht. Amory Lovins hatte schon in den 1970er Jahren die Fachwelt in Erstaunen versetzt, als er in „Soft Energy Paths“ die Chance der Energiewende beschrieb. In den 1980er Jahren kamen Probleme des Abfalls und der Wasserknappheit hoch und Friedrich Schmidt-Bleek rief ein Programm der Verminderung der Stoffintensität um einen Faktor zehn aus. Das war die Vorlage für das „Faktor“-Denken: Man soll die Effizienz der Energie- und Rohstoffnutzung nicht um magere zehn oder 20 Prozent steigern, sondern um 300, ja 900 Prozent, was dann einem Faktor vier beziehungsweise zehn entspricht. Bei Energie und Verkehr ist ein Faktor zehn meist unmöglich und so kam der zahmere Titel Faktor vier zustande. Das wichtigste Feld ist die Energiesanierung von Gebäuden, aber auch Amory Lovins’ Hyperauto mit nur noch 1½ Litern Treibstoff pro 100 Kilometer, die Viertelung des Transportaufwands bei der Herstellung von Erdbeerjoghurt und die Wiederverwendung von Bauschutt, Metallen oder Wasser kamen im Buch zur Geltung. Das neue Buch fügt noch Kaskadengewinne und Systemverbesserungen bei komplexen Abläufen hinzu und redet über die hierfür geeigneten ökonomischen Instrumente. Und es richtet den Fokus auch auf Asien, wo heute die große Dynamik des Ressourcenverbrauchs stattfindet. Neuer Co-Autor ist der Australier Charlie Hargroves.

Politik betreibt bereits Faktor-Denken
Die Politik hat angefangen, diesen neuen Pfad der Modernisierung aktiv zu beschreiten. Ressourcenproduktivität ist in Deutschland, Japan, Singapur und auch in Gremien der EU heute schon offizielles Programm. Und der 11. Fünfjahresplan Chinas verlangt eine Erhöhung der Energieeffizienz um 20 Prozent. Fortgeschrieben auf sechs Fünfjahrespläne ist das schon ein Faktor drei. Wenn diejenigen, die heute noch die Tatsachen verharmlosen und verdrehen, vom Markt bestraft worden sind und wenn bedrohliche Änderungen der polaren Eisbedeckungen sichtbar werden, wird man den Streit unseres Jahrzehnts überhaupt nicht mehr verstehen. Und wenn diese Menschen in 50 Jahren noch leben, werden sie sich mit Sicherheit nicht nur persönlich, sondern auch politisch anständig verhalten und die Politik der klimafreundlichen Umsteuerung aus vollem Herzen unterstützen.

Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker studierte Chemie und Physik und war unter anderem Direktor des UNO-Zentrums für Wissenschaft und Technologie in New York sowie Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Er ist Mitglied zahlreicher Gremien und Vereinigungen, wie etwa des Club of Rome und engagiert sich seit 1966 in der SPD.

Weitere Informationen über nachhaltige Geldanlagen finden Sie im Magazin “Forum Nachhaltig Wirtschaften - Energieeffizienz & Klimaschutz”. Sie können das Magazin hier abonnieren. Besuchen Sie auch die Webseite www.forum-csr.net für weitere spannende Beiträge rund um Corporate Social Responsibility und Nachhaltigkeit.

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