Corporate Social Responsibility ist glaubwürdig, wenn sie langfristig angelegt und im Kerngeschäft verankert ist. Lassen Sie mich zwei Beispiele vorlegen, zwei Briefe, die ich heute erhielt. Den ersten Weihnachtsbrief erhielten wir von einem Zulieferbetrieb. Das Unternehmen hat eine wirtschaftliche Krise überstanden. Und in dieser Krise stand es zu seinen Mitarbeitern, das berichteten mir meine Kollegen. Die Firma schreibt an ihre Kunden unter anderem:
“Was für ein Jahr, dieses Jahr 2006! Ein extrem langer Winter, eine darauf folgende Aufholjagd bei all denen, die im Baubereich mit Außengestaltung beschäftigt sind. Ein extrem heißer Sommer, der Baustellen zum Erliegen brachte und dann ein Herbst, der annährend ein Sommer war. Wir erlebten eine konjunkturelle Belebung, die verbunden war mit sinkenden Arbeitslosenzahlen. War es ein gutes Jahr? Für uns im ***-Team war es aus verschiedenen Gründen ein gutes Jahr! Wir verspürten, dass ein konjunktureller Aufwind in der Lage ist, ein positives Klima für die eigenen Aktivitäten zu schaffen. Unsere Innovationen, die wir zu Beginn des Jahres 2006 am Markt eingeführt haben und konsequent in den nächsten Jahren fortführen werden, waren aber die eigentliche Ursache für die positive Entwicklung! Die Ursache für Erfolg liegt wie immer in den eigenen Händen! Erich Kästner drückt dies mit treffenden Worten aus: ‘Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!’ (…)
Soziale Verantwortung ist in inhabergeführten, mittelständischen Familienunternehmen – insbesondere in Unternehmen mit einer entsprechenden Philosophie – immer wieder anzutreffen. Sie steht in krassem Gegensatz zum Beispiel zu Entlassungen in großem Umfang und dem gleichzeitigen drastischen Erhöhen von Vorstandsgehältern in Konzernunternehmen. Uns drängt sich immer wieder der Eindruck auf, dass es sich hier um zwei Welten handelt. In mittelständischen Familienunternehmen das unmittelbar Verbundensein mit dem Wohlergehen der dort arbeitenden Menschen und auf der anderen Seite die persönliche Ferne der Manager in Konzernen, die solche Entscheidungen möglich macht. Menschen stellen heute mehr denn je die Frage nach Sinn. Was ist der Sinn meines Lebens? Was ist der Sinn meiner Arbeit? Wo will das Unternehmen hin, in dem ich arbeite? Macht es für mich Sinn, mich dort voll und ganz einzubringen? Die derzeitige Debatte über die „Unterschicht“ in unserem Lande macht deutlich, dass es Menschen gibt, die z. B. aufgrund von Arbeitslosigkeit ihrem Leben keinen Sinn mehr abgewinnen können. Sinn der Arbeit ist es, zu wissen, dass man in einem Unternehmen zu Hause ist, dass man gebraucht wird, dass man an etwas Bedeutendem mitwirkt, das anderen Menschen einen erstrebenswerten Nutzen bietet. Sinn der Arbeit ist es, Anerkennung zu erfahren und die finanziellen Mittel zu erhalten, um das eigene Leben zu gestalten. Folge ist ein Selbstwertgefühl, das die Energie freisetzt, das eigene Leben in die Hand zu nehmen und nicht resigniert und apathisch den Dingen ihren Lauf zu lassen. Vorbild zu sein für junge Menschen. … In der Kurzform lautet der Sinn unserer Arbeit: „*** - für die Menschen…“. Davon geprägt möchten wir in Zukunft notleidende Menschen in Bangladesch in den Kreis derer mit einbeziehen, denen unsere Arbeit Nutzen bietet. Für die nächsten Jahre haben wir mit dem Leitgedanken – Armut überwinden durch berufliche Ausbildung – ein Projekt ins Leben gerufen, das die berufliche Ausbildung junger Menschen in Mollahat/Bangladesch möglich macht. Wir tun dies, indem wir dabei mitwirken, dort ein Ausbildungszentrum zu errichten.”
Der Text hat mir gefallen, das Nachdenken über den Sinn der Arbeit und das Engagement für junge Menschen in Bangladesh. Den Brief habe ich in unserer Firma allen Mitarbeitern zu lesen gegeben.
Das zweite Schreiben viel mir vielleicht nur wegen seinem Kontrast zum ersten auf. Es stammt von einem Consultant und ist kein Brief, sondern eine Email Ich las:
“Besser eine Hilfe als fünfzig Ratschläge. Aus Italien …Getreu dem obigen Motto hat sich *** dieses Jahr dazu entschlossen, auf die üblichen Weihnachtsgrüsse in Postkartenform zu verzichten. Der dem sonst anfallenden Porto entsprechende Betrag kommt einem in *** ansässigen gemeinnützigen Verein zu Gute.”
Da hat er einen guten Schnitt gemacht, dachte ich. Spart das Geld für den Druck der Karten und die Umschläge und viel Zeit, und den Portobetrag erhält ein mir unbekannter Verein. Besser hätte der Absender auf diese Nachricht wohl ganz verzichtet.
Gesellschaftliches Engagement macht auch zu Weihnachten nur dann Sinn, wenn es sich wie ein roter Faden durchs ganze Jahr zieht. Nur dann glauben mir meine Kunden auch die guten Worte zum Jahresende.
Ein Zwischenruf von Achim Halfmann.