csr-news.net sprach mit Dr. Thea Dückert von Bündnis 90/ Die Grünen
Die Grünen werden immer erwachsener. Anzüge tragen sie ja schon seit einiger Zeit, jetzt haben sie auch ihren ersten großen Wirtschaftskongress abgehalten. So richtig mit Wirtschaftsbossen und so!
Bündnis 90/ Die Grünen wollen nach eigener Aussage eine Wirtschaftspolitik mit funktionierenden Märkten, mit hoher Wettbewerbsintensität und einem verantwortungsvollen Staat, der Rahmenbedingungen durch klare Regelsetzungen definiert. 300 TeilnehmerInnen diskutierten am vergangenen Wochenende in Berlin zwei Tage lang mit 70 ExpertInnen das neue Wirtschaftsprogramm “Mehr Wert – Grüne Marktwirtschaft”. Mit dabei waren beispielsweise Tadashi Arashima, der Managing Director der Toyota Motor Corporation und CEO and President von Toyota Motor Europe, Ulf Böge, der Präsident des Bundeskartellamts, Christoph Helle von MVV Energie, Henriette Peucker von der Deutsche Börse AG, Michaela Bürger von der Führungskräfteentwicklung bei Siemens, Margarita Tchouvakhina von der KfW Bank, Roman Wolf von MacDonald’s und Heinrich Reitz von BASF.
Diskutiert wurde im Wesentlichen über folgende Themen:
Industrie- und Wettbewerbspolitik – Protektionismus bekommt Konjunktur: Immer mehr europäische Regierungen sind bereit, Konzernen Monopolvorteile zu bieten, um so im eigenen Land Global Player aufzubauen.
Lobbyismus – Organisierte Interessen gewinnen an Einfluss auf die Politik.
Steuern und Abgaben – Wie sieht eine Reform des Steuer- und Abgabensystems aus, die endlich mehr Beschäftigung ermöglicht und das Innovationsklima verbessert?
Kultur der Selbständigkeit – Wie können die Rahmenbedingungen für nachhaltige Selbständigkeit verbessert werden?
Innovation – Deutschland ist Exportweltmeister, weist jedoch im internationalen Vergleich Defizite bei Spitzentechnologien auf, vor allem im Bildungssystem und bei der Innovationsfinanzierung.
Finanzmärkte – Finanzmärkte sind ein Ort ständiger Innovation und unverzichtbar für die Finanzierung von Innovationen in anderen Branchen. Welche Rahmenbedingungen brauchen wir für die Finanzmärkte, damit Deutschland innovativer wird?
Den Abschlussvortrag durfte Anselm Bilgri halten. Er war 20 Jahre lang Wirtschaftsleiter im Kloster Andechs und empfiehlt das 1.500 Jahre alte Regelwerk des Heiligen Benedikt als Grundlage für ein erfolgreiches, zielorientiertes und lang wirkendes Organisationshandeln. Er betonte und verlangte Kompetenz von Führungskräften für ethische Fragen. Von den Unternehmen erwarte er eine gelebte Unternehmensphilosophie an Stelle von gut gemeinten Leitsätzen, die in der Schublade verstauben. Die Mitarbeiter der Zukunft werden sich ihren Arbeitsplatz nach der Sinnhaftigkeit aussuchen, meinte er. Denn Menschen brauchen Werte, die sich im Produkt, in der Dienstleistung und in der Identifikation niederschlagen. Finanzielle Anreize reichen für Zufriedenheit nicht aus, so Bilgri. Um Veränderungen und immer komplexeren Problemlagen gerecht werden zu können, müssen Organisationen nach Ansicht Bilgris ihre Unternehmenskultur auf Tugenden gründen. Bilgri hob dabei Achtsamkeit hervor und Vertrauen, Demut und “Diskretio”, die Fähigkeit zur Unterscheidung, um Regeln im rechten Maß anzuwenden.
In einer Presseerklärung der Grünen hieß es nach dem Kongress, dass Grüne Marktwirtschaft auf verantwortliche Marktakteure baue. Also auf Unternehmen, die sich ihrer sozialen und ökologischen Verantwortung bewusst seien und auf VerbraucherInnen, die qualitativ hochwertige Güter unter Berücksichtigung sozialer und ökologischer Kriterien nachfragen. csr-news.net sprach darüber mit Dr. Thea Dückert, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Deutschen Bundestag.
csr-news.net: Wirtschaft und Grüne, Grüne Wirtschaftspolitik – um was geht es denn da? Um Ökobier und Windräder? Oder um Ethik, Verantwortung und Gerechtigkeit?
Dr. Thea Dückert: Sowohl als auch – um Ökonomie und Ökologie. Windräder sind dabei ein gutes Beispiel für verantwortungsvolles Wirtschaften und dafür, dass die Wirtschaft mit grünen Ideen schwarze Zahlen schreiben kann. Der Windanlagenhersteller Enercon hat in Aurich viele Arbeitsplätze in die Region gebracht. In Magdeburg ist die Firma der größte Arbeitgeber. Mittlerweile arbeiten mehr Menschen in der Umweltbranche als in der Automobilindustrie. Grüne Wirtschaftspolitik hat ethische, soziale und ökologische Ziele und sie hat den Klimawandel im Blick. Der Markt ist das effektivste Instrument, um diese Ziele zu erreichen. Deutschland kann eine internationale Spitzenposition einnehmen und ein starker Wettbewerber sein. Die unsichtbare Hand des Marktes wirkt grün – wenn man den Rahmen richtig setzt. Darum geht es bei der grünen Wirtschaftspolitik. Deshalb ist unser Bekenntnis zum Markt als Instrument auch nicht – und da unterscheiden wir uns von der FDP – ein Plädoyer für einen schwachen Staat. Der Staat muss die Leitplanken setzen innerhalb derer der Markt dann die Suche nach der effizientesten Lösung organisiert.
csr-news.net: Was sind das, “verantwortliche Marktakteure”?
Dr. Thea Dückert: Firmen und Verbraucher – beide können und müssen verantwortliche Marktakteure sein. Damit Verbraucher verantwortlich handeln können müssen sie vor allem informierte Verbraucher sein. Ich muss wissen, dass ein Spielzeug giftige Stoffe enthält oder wie eine Ladenkette seine MitarbeiterInnen behandelt, um mich als Verbraucherin dann auch dagegen entscheiden zu können. Deshalb treten wir hier für eine möglichst große Transparenz ein, die es dem Verbraucher ermöglicht verantwortlich am Markt zu agieren. Auf Seiten der Firmen freue ich mich, dass immer mehr Unternehmen erkennen, dass verantwortungsvolles Handeln wirtschaftlich erfolgreich(-er) sein kann und dies auch mit Nachhaltigkeitsberichten belegen. Verantwortungsvolles Wirtschaften bezieht sich dabei nicht nur auf die Produktion selbst, sondern auch auf den Umgang mit den MitarbeiterInnen und die Organisation des Unternehmens. Wir wollen deshalb die Corporate Governance verbessern, indem wir beispielsweise die Zahl der Aufsichtsratsmandate auf maximal 5 begrenzen und den Frauenanteil im Aufsichtsrat weiter erhöhen.
csr-news.net: Inwiefern ist Grüne Wirtschaftspolitik “mehr wert” als andere?
Dr. Thea Dückert: Grüne Marktwirtschaft ist „mehr wert“ weil sie Werte-orientiert ist. Sie setzt anspruchsvolle Ziele im Bereich Nachhaltigkeit, Verbraucherschutz oder Umweltschutz und nutzt den Markt als intelligentes und effektives Mittel. Das Ergebnis der grünen Marktwirtschaft ist nicht einfach mehr Geld oder mehr Wertschöpfung. Das Ergebnis ist mehr Nachhaltigkeit, mehr Ressourceneffizienz, mehr Umweltschutz und mehr Beschäftigung.
csr-news.net: Unsere Leser interessiert Wirtschafts- und Unternehmensethik in Theorie und Praxis. Politik ist da ja eine von mehreren Schnittstellen. Welche gestalterischen Möglichkeiten sehen Sie für Wirtschaftspolitik?
Dr. Thea Dückert: Aufgabe der Politik ist es, den Markt so zu organisieren, dass er ethisch verantwortbare Ergebnisse produziert. Ein gut organisierter Markt macht eine individuelle oder unternehmerische Ethik zwar mitnichten überflüssig, kann aber die Eigeninteressen des Individuums geschickt zur Erreichung gesellschaftlicher Ziele nutzen. Ein Beispiel: Aus ökologischer Sicht ist es wünschenswert, dass die Menschen die Bahn statt das Flugzeug nutzen. Wirtschaftspolitik darf sich nicht darauf beschränken an die individuelle Moral des Einzelnen zu appellieren. Sie muss dem Mobilitätsbedürfnis gerecht werden. Deshalb muss sie die Rahmenbedingungen entsprechend setzen. Also: keine Steuerbefreiung fürs Flugbenzin, mehr Service und Wettbewerb auf der Schiene.
csr-news.net: Sie sind als stellvertretende Fraktionsvorsitzende zuständig für die Bereiche Arbeit, Wirtschaft, Soziales und Finanzen; wann wird man was zu den grünen Wirtschaftsthemen und konkreten Gesetzgebungsverfahren aus dem Bundestag hören?
Dr. Thea Dückert: Parlamentarisch haben wir schon eine ganze Reihe an Anträgen eingebracht und der großen Koalition ordnungspolitisch auf die Finger geklopft. Insbesondere dort wo wegen einzelner Lobbyinteressen der Wettbewerb auch gerne einmal hintenan gestellt wird: bei den Apotheken, der Bahn oder dem Strom- und Gasmarkt. Aber auch da, wo Verbraucherinteressen zu kurz kommen haben wir uns eingemischt. Mit dem Papier „MehrWert“ haben wir einen konzeptionellen Neuaufschlag geleistet. Gerade haben wir dieses Konzept im Rahmen eines zweitägigen Kongresses mit 300 TeilnehmerInnen und 70 ExpertInnen diskutiert. Die Debatte wird jetzt in den Ländern und in der Partei fortgesetzt. Unser Ziel ist es, das Konzept im nächsten Frühjahr endgültig in der Fraktion zu beschliessen. Insgesamt ist uns die gesellschaftliche Debatte jetzt wichtiger, als die detailistische Arbeit an Gesetzentwürfen, für die wir ohnehin keine Mehrheit haben.
csr-news.net: Frau Dr. Dückert, wir danken Ihnen für das Gespräch!
(Das Gespräch führte Robin Keppel, Oldenburg)