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“Wirtschaftsethik, das ist eben mehr als nur Geld für gute Zwecke ausgeben, für die Jugendmannschaft des Fußballvereins oder für die Behindertenbetreuung am Ort.” Über ein Unterrichtsprojekt zum Thema Wirtschaftsethik
Posted By Dr. Thomas Beschorner (CSR NEWS) On October 29, 2006 @ 1:15 pm In +german | Comments Disabled
Wirtschaftsethik ist viel Theorie. Und was es ganz genau ist, ist gar nicht so einfach zu sagen. Klar ist gleichwohl: Menschen leben sie und handeln danach, manche weniger und manche mehr. Als prominentestes Beispiel und als ein gewisses Vorbild erscheint zur Zeit der Träger des Friedensnobelpreises 2006, Muhammad Yunus und die Grameen-Bank aus Bangladesh. Wirtschaftsethik kann man verstehen als die Lehre von moralischen Werten im Wirtschaftsleben. Also als die Lehre vom guten und schlechten Handeln und Denken in einem Lebensbereich, mit dem man zunächst einmal gute und schlechte Zahlen verbindet.
Viele diskutieren noch, ob das Thema Wirtschaft Platz im Unterricht an deutschen Schulen haben soll oder nicht. Und wenn ja, wie und wie viel. In einer Fachoberschule für Wirtschaft ist die Grundsatzfrage darüber natürlich kein Thema - dennoch erscheint es ehrgeizig, hier gleich mit Unterricht über Ethik in der Wirtschaft loszulegen. Warum das wichtig ist, erklärt Lydia Plagge, 24, Studentin des Diplomhandelslehramts an der Universität Oldenburg, im Gespräch mit csr-news.net [1]: “Wir möchten, dass die Schüler lernen, über die Konsequenzen des Handelns nachzudenken und ein Bewusstsein entwickeln, dass jedes Handeln auch Folgen hat. Wirtschaftsethik, das ist ja nicht nur Sponsoring, nicht nur Geld für gute Zwecke ausgeben, für die Jugendmannschaft des Fußballvereins oder die Behindertenbetreuung am Ort.”
Lydia Plagge engagiert sich zusammen mit anderen Studenten in ihrer Freizeit für ein besonderes Unterrichtsprojekt: Wirtschaftsethik in der Schule. Zuletzt wurde der Unterricht in einer Klasse der Fachoberschule Wirtschaft in Meppen umgesetzt. “Das waren drei Doppelstunden, verteilt auf drei Wochen, durchgeführt von je zwei Mitgliedern von ’sneep’ ” wie Lydia Plagge erläutert.
‘Sneep [2]‘ ist ein von Studenten für Studenten organisiertes bundesweites Netzwerk mit dem Ziel, Wirtschafts- und Unternehmensethik sowohl an den Hochschulen als auch in der unternehmerischen Praxis voranzubringen. Und eben auch in der Bildung. Die Idee zu dem Unterrichtsprojekt ist schon etwas älter. Studenten der Wirtschaftswissenschaften und der Philosophie an der Universität Oldenburg haben 2003 damit begonnen und die Gruppe vergrößerte sich dann insbesondere auch um Wirtschaftspädagogen. Dieses Projekt wurde bisher an Gymnasien und berufsbildenden Schulen in Varel, Oldenburg, Osnabrück und Meppen durchgeführt und dabei kontinuierlich weiter entwickelt. Die Schüler in der Klasse in Meppen sind schon etwas älter und haben ganz unterschiedliche Erfahrungen. Gemeinsame Basis ist der Sekundarabschluss I und eine mindestens zweijährige Berufsausbildung.
“Manche Schüler wirkten zunächst uninteressiert”, sagt Lydia Plagge. “Ich habe aber das Gefühl, dass wir mit unserem Unterricht auch Interesse wecken konnten.” In Meppen soll das Projekt jetzt in einer weiteren Klasse und mit mehr Zeit wiederholt werden. Ab Januar 2007 gibt es den Unterricht mit dann fünf Doppelstunden, verteilt auf zwei Wochen. Aber das ganze hat doch noch sehr Modellcharakter. “Es gibt ein privates Gymnasium in Bayern, in Gaienhofen, und die haben ein Pflichtfach zu dem Thema eingeführt. Es heißt dort ‘Wirtschaft und Verantwortung’. Dies ist wohl das Musterbeispiel für Deutschland,” meint Lydia Plagge. “Eine andere Schule mit ähnlichem Projekt ist mir nicht bekannt. Aber es gibt Ideen zu Arbeitsgemeinschaften an Schulen und Seminaren für Interessierte,” ergänzt sie.
Warum das so ist und warum das Thema Wirtschaftsethik nicht an viel mehr Schulen unterrichtet wird, ist nicht ganz so leicht zu erklären: “Wir von ’sneep’ haben das niedersächsische Schulgesetz, den Rahmenlehrplan der Berufsbildenden Schulen zum Beispiel für den Ausbildungsberuf Industriekaufmann und für das Unterrichtsfach Politik untersucht. Es steht nirgends etwas davon, Wirtschaftsethik im Unterricht als Thema zu behandeln.” Und Lydia Plagge fährt fort: “Aber es steht da sehr wohl etwas von Wirtschaft und von Verantwortung. Zum Beispiel ist es nach dem niedersächsischen Schulgesetz Aufgabe der Schulen, den Schülern Kenntnisse und Fähigkeiten zu vermitteln, so dass sie nach ethischen Grundsätzen handeln, Zusammenhänge von Ökonomie und Ökologie erfassen und kritisch hinterfragen. Oder, allgemein gesagt, das soziale Leben verantwortlich mitgestalten. Das Thema ist also nicht wortwörtlich, aber doch implizit verankert!”
In Deutschland gibt es sehr reiche Menschen und sehr arme. Hartz IV, Unterschichtsdebatte, Airbus und BenQ sind nur wenige der aktuellen Stichworte zu dem Thema. Handelt es sich bei Wirtschaftsethik nicht um ein Luxusproblem? Kommt nicht bekanntlich erst mal das Fressen und dann gegebenenfalls die Moral? Lydia Plagge wirkt fast ein bisschen leidenschaftlich: “Es geht darum, von Grund auf zu lernen! Nicht erst einmal Wirtschaft und später dann irgendwann etwas zum Thema Verantwortung und Ethik in der Wirtschaft. Nein, das gehört doch zusammen, von Anfang an!” Und sie verdeutlicht mit einem Vergleich, was sie meint: ” Das ist so wie in der Grundschule: Da lernen wir ja auch nicht nur Rechnen, Lesen und Schreiben, sondern eben auch den Umgang mit Klassenkameraden und Lehrern. Diese Sozialkompetenz gehört zu den fachlichen Kenntnissen dazu. Das kann man doch nicht trennen!”
Lydia Plagge formuliert abschließend, worum es ihr bei dem ganzen Projekt eigentlich geht: ” Wir möchten erreichen, dass Schüler die Art und Weise der Gewinnerzielung von Unternehmen hinterfragen. Wir wollen die Schüler dahin bringen, dass sie die Wirtschaftsnachrichten kritisch reflektieren können”. Zur Vorgehensweise und Methode erläutert sie ganz grundsätzlich: “Wir möchten Schüler ermutigen, eine eigene Meinung, eine eigene Position zu entwickeln und auch zu vertreten. Wir wollen keine Meinung vorgeben, sondern Kriterien vermitteln zur Bildung einer eigenen Meinung in Fragen der Wirtschaftsethik. ”
Robin Keppel, Oldenburg
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