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Studie: Kirchen schneiden in Tagespresse besser ab als oft behauptet

Friday, October 20th, 2006
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Erlangen - Vertreter der Kirchen klagen oft über verzerrte, falsche oder sogar antikirchliche journalistische Berichterstattung über ihre Institution und den Glauben allgemein. Der Theologe Daniel Meier von der Abteilung Christliche Publizistik der Universität Erlangen-Nürnberg hat die Vorbehalte wissenschaftlich überprüft. Er analysierte dafür über einen längeren Zeitraum mehrere deutsche Zeitungen. Ergebnis: Das mediale Kirchenbild ist vorteilhafter, interessanter und vielfältiger als oftmals vermutet.
Keinesfalls berichten Journalisten nur über Kardinalsernennungen oder Kirchentage als mediale Großereignisse. Auch das alltägliche Gemeindeleben hat eine Chance in die Zeitung zu kommen, wenn es dem Leser etwas zu sagen hat. So findet sich eine große Reportage über ein christliches Sterbe-Hospiz neben dem Porträt holländischer Eltern, die sich als Christen fragen, ob sie ihr behindertes Kind abtreiben dürfen oder nicht. Dabei treten die Gläubigen in der Tagespresse weniger hierarchisch auf als dies in der evangelischen Pressearbeit mit einer klaren Dominanz des Bischofs der Fall ist.
"Je religiöser formuliert, desto irrelevanter für die Medien" - auch dies ist ein Vorbehalt, den die Studie widerlegt: Gerade bei Ereignissen, die sich jeder menschlichen Vernunft entziehen, bedient sich die journalistische Sprache häufig religiösen Vokabulars. Vor allem die Boulevardpresse artikuliert vergleichsweise unbefangen religiöse Dimensionen. So druckt etwa die Bild-Zeitung am Tage nach der Trauerfeier für ein ermordetes Mädchen aus dem brandenburgischen Eberswalde die gesamte Traueransprache von Bischof Wolfgang Huber unter der Überschrift "Gott - wo bist Du gewesen?" Auch die anderen Zeitungen pflegen eine Art Nutzwert-Journalismus, der Antworten auf die Frage gibt: "Wie bewältigen Menschen mit Hilfe von Gott und Kirche ihr Lebensschicksal?"
Protestanten nicht benachteiligt
Die Studie weist auch das speziell evangelische Gefühl der Vernachlässigung durch die Medien zurück: Zwar ist der Katholizismus im Politik-Ressort stärker präsent. Im Feuilleton und im Lokalen besteht hingegen eine annähernde Ausgewogenheit. Profitiert die katholische Kirche im Fernsehen deutlich vom Nachrichtenfaktor Visualisierung, passt die Fixierung der evangelischen Kirche auf das Wort offenbar besser zum Genre Tageszeitung. Freilich besitzen die binnenkirchlichen Differenzierungen für den Journalisten längst nicht die Bedeutung wie für die Kirche selbst.
Angesichts der überraschenden Ergebnisse mag man sich verwundert fragen, woher eigentlich die pauschale Abwehr mancher Kirchenvertreter den Medien gegenüber rührt. Neben schlechten Erfahrungen im Einzelfall, die bisweilen zu Verschwörungstheorien verallgemeinert werden, könnte der Grund nicht zuletzt in einer grundlegenden Konkurrenz zwischen Pfarrern und Journalisten liegen, lautet die These des Autors. Beide Berufe deuteten das Weltgeschehen auf ihre Art und Weise, auf der Kanzel oder in der Redaktion, in der Predigt oder in der Reportage. Dagegen könnte die journalistische Wahrnehmung manches kirchliche Selbstbild hilfreich korrigieren. Nicht zuletzt diene eine kritische Presse auch der Kirche letztlich mehr als jede Hofberichterstattung. (spe|19.10.2006)
Daniel Meier: Kirche in der Tagespresse. Empirische Analyse der journalistischen Wahrnehmung von Kirche anhand ausgewählter Zeitungen. Erlangen, Verlag Christliche Publizistik, 2006
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