München > Zur IAA in Hannover blickt die Welt auf die Aktivitäten und Neuerungen in der Automobilbranche. Während früher in erster Linie Motorleistung, Funktionen und Design der Fahrzeuge in Augenschein genommen wurden, interessiert in der öffentlichen Diskussion mittlerweile auch, wie Hersteller auf Forderungen nach geringerem Kraftstoffverbrauch und Emissionen reagieren.
oekom research beleuchtete in einer aktuellen Untersuchung die Aktivitäten der weltweit größten börsennotierten Automobilunternehmen und bewertete ihre ökologischen und sozialen Leistungen. Als bestes Unternehmen im PKW-Sektor schnitt der französische Hersteller Renault ab, gefolgt von den beiden deutschen Unternehmen BMW und Volkswagen. Im Bereich der Nutzfahrzeuge hat das schwedische Unternehmen Volvo die Nase vorn.
Vor dem Hintergrund steigender Ölpreise und der wachsenden Abhängigkeit von politisch instabilen Öl-Exportländern gewinnt das Thema Kraftstoffverbrauch zunehmend an Bedeutung. Die Analyse von oekom research zeigt, inwieweit die Branche entsprechende Lösungen anbieten kann. Selbst gesetztes Ziel der Branche ist es, bis spätestens 2009 den durchschnittlichen Fahrzeugverbrauch neuer PKW in Europa auf 5,5 Liter pro 100 Kilometer zu reduzieren. Das entspricht einer Emission von 140 Gramm Kohlendioxid pro gefahrenem Kilometer. “Die Unternehmen sind allerdings noch deutlich davon entfernt, diese Selbstverpflichtung von 1998 gegenüber der EU einzuhalten und damit auch einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten”, betont Maike Hiltner, Senior-Analystin bei oekom research. Das Branchen-Rating macht deutlich, dass die von den Unternehmen bislang veröffentlichten Werte zum Teil noch weit über der Zielmarke liegen. “Entsprechend unserer Schätzungen liegt beispielsweise BMW derzeit bei einem Flottenverbrauch von etwa 7,7 Litern und Honda bei etwa sieben Litern. Das entspricht einem Kohlendioxidausstoß von etwa 178 Gramm bei BMW beziehungsweise 170 Gramm bei Honda”, erläutert Hiltner. Im europäischen Vergleich schneidet beispielsweise Renault mit einem Durchschnittsverbrauch von etwa sechs Litern (148 Gramm CO2) in den EU-15-Ländern vergleichsweise gut ab. Die Branchenexpertin fügt hinzu, dass solche Werte schwer zu beschaffen sind: “Die meisten Hersteller geben keinerlei Auskunft.”
Um ihr Klimaschutzziel bis 2008 tatsächlich zu erreichen, müsste die europäische Automobilindustrie etwa ein Viertel der Emissionen im Vergleich zu 1995 einsparen. Gelungen ist ihr innerhalb der letzten zehn Jahre jedoch nur eine Einsparung von etwa 13 Prozent. Um den Prozess zu beschleunigen, droht die EU-Kommission nun an, die Autohersteller per Gesetz zu mehr Klimaschutz zu zwingen. Die US-Regierung zieht mittlerweile ebenso Konsequenzen, wenn auch auf weniger hohem Niveau: Amerikanische Autobauer müssen – nach einer Verschärfung bisheriger Regelungen – ihren Flottenverbrauch bis zum Jahr 2011 stufenweise auf durchschnittlich 9,75 Liter pro 100 km gesenkt haben. Dies gilt vor allem auch für die rund 8,5 Millionen Geländewagen und Pickup-Trucks, die teilweise bis zu 30 Liter verbrauchen.
Als weltweit sparsamster PKW gilt derzeit das Hybridmodell “Insight” des japanischen Herstellers Honda mit einem Verbrauch von 2,8 Litern auf 100 Kilometern. “Hybridsysteme sind im Moment die am Markt erfolgreichsten alternativen Antriebssysteme”, so Hiltner. Neben Honda ist hier vor allem Toyota mit dem “Prius” am Markt aktiv. “Mittlerweile betreibt jedes der untersuchten Unternehmen in irgendeiner Form Forschung zu alternativen Antrieben”, lobt Hiltner. Dabei deckt die Branche laut der Studie ein weites Spektrum ab: Biotreibstoffe, Erdgas, Elektro- und Hybridfahrzeuge, Wasserstoffantrieb beziehungsweise Brennstoffzellen. “Zwischen Forschung und Massenproduktion liegt allerdings noch ein großer Schritt”, gibt die Analystin zu bedenken und ergänzt: “Solche motortechnischen Innovationen haben langfristig nur wenig Auswirkungen auf den Klimaschutz, wenn die Autos im Gegenzug immer schneller und luxuriöser werden. Denn damit steigt gleichzeitig auch deren Gewicht und der Verbrauch”. Auch bei den Nutzfahrzeugen stecken die alternativen Antriebssysteme noch in den Kinderschuhen. MAN und Volvo beispielsweise können zwar Prototypen vorweisen, dennoch: “Bislang kann keines der untersuchten Unternehmen mit überzeugenden Motorlösungen auf Basis regenerativer Antriebe aufwarten”, urteilt Till Jung, Branchenanalyst im Bereich Nutzfahrzeuge bei oekom research. Nach Einschätzung der Analysten werden vor allem mit Blick auf die steigenden Ölpreise und dem gleichzeitig hohen Flottenverbrauch künftig alternative Konzepte einen immer höheren Stellenwert einnehmen.
Verbraucher und Behörden werden zunehmend hellhöriger bei dem Thema Emissionen. Das zeigen auch die geplanten “Umweltzonen” in Städten wie Berlin, München oder Stuttgart, in denen ein Verbot für Fahrzeuge mit zu hohen Emissionswerten eingerichtet werden soll. Bei Dieselantrieben haben vor allem die feinstaubhaltigen Abgase wegen ihrer gesundheits- und umweltschädlichen Wirkung an politischer Brisanz gewonnen. Die Reaktion der Nutzfahrzeug-Hersteller auf diese Problematik ist dennoch ernüchternd: “Die Anstrengungen der meisten Unternehmen gehen nicht über die Einhaltung gesetzlicher Mindestanforderungen hinaus”, resümiert Jung die Ergebnisse der Untersuchung. “Bei den PKWs bieten mittlerweile fast alle Hersteller von Dieselfahrzeugen zumindest einige Modelle mit Partikelfilter an”, erläutert Maike Hiltner. Audi gilt als Vorreiter: Das Unternehmen rüstet alle Diesel-Neufahrzeuge serienmäßig mit Partikelfiltern aus.
Resümee: Die Zukunftsfähigkeit der einzelnen Unternehmen wird im wesentlichen davon abhängen, wie gut sie den Spagat zwischen den konventionellen Produktanforderungen wie Leistung, Sicherheit und Komfort einerseits und den ökologischen und sozialen Herausforderungen andererseits meistern. Vor allem im Hinblick auf die steigende Nachfrage in den Schwellenländern wird immer deutlicher, dass eine unveränderte Strategie der Automobilbranche nicht nachhaltig sein kann.
Infos im Internet: www.oekom-research.de