St.Gallen > Ethik und Erfolg, passt das zusammen? „Das muss“, sagt Claudia Köhler Emmert, und hat – weil sich diese Frage so leicht nicht beantworten lässt – darüber gleich eine ganze Dissertation geschrieben, die von der Universität St.Gallen mit „sehr gut“ bewertet wurde. Vor kurzem ist diese Arbeit unter dem Titel „Unternehmensethiker – Schrittmacher zum legitimen Erfolg“ als Buch im Haupt Verlag, Bern, erschienen.
Ethik und Erfolg, das scheinen zwei Orientierungen zu sein, die oft in Spannung zueinander stehen. In den Wirtschaftsstudiengängen vieler Universitäten werden sie gewöhnlich so auch nicht zum Thema gemacht. Andererseits sehen aber immer mehr Menschen die Auswirkungen des wirtschaftlichen Erfolges mit Bedenken. Auch gibt es Unternehmen, die sich trotz zunehmender Wettbewerbsdynamik ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen wollen, aber oft nicht wissen, wie sie das angehen können. Also muss eine Mittelsperson her, jemand, der fachkundige Unterstützung leisten kann und in beiden Welten steht: in der Welt der Unternehmensstrategie und in der Welt der Mitarbeiter, der Verbraucher, der Anwohner, der Öffentlichkeit. Das ist der Unternehmensethiker oder die Unternehmensethikerin.
Der Begriff „Unternehmensethiker“ steht bislang für die Vertreter eines akademischen Fachgebiets; noch nicht gängig ist er im deutschsprachigen Raum für Fachleute, die sich in der Wirtschaftspraxis mit unternehmensethischen Fragen befassen.
Um mit diesem Beruf in Berührung zu kommen, hat die Verfasserin des Buches zunächst ein Seminar für Unternehmensethiker in den Vereinigten Staaten besucht. Dort und in anderen angelsächsischen Ländern ist der Ethics Officer bereits etabliert, doch lässt sich das dortige Berufsbild nicht einfach auf andere Kulturen übertragen. Claudia Köhler Emmert hat zahlreiche Interviews geführt und hunderte Seiten Material ausgewertet.
Mit ihrer Arbeit wollte sie dem Misstrauen gegenüber vielen Unternehmensentscheidungen auf den Grund gehen. Auf den ist sie gestoßen. Nur wenn die Mittel, die zur Erzielung des Erfolgs eingesetzt werden, den Betroffenen angemessen erscheinen, bewerten sie auch den Erfolg als ethisch vernünftig und legitim. Das bedeutet, dass Unternehmen zuerst den Dialog mit den Betroffenen suchen müssen, wenn sie ethisch und erfolgreich arbeiten wollen. „Dabei hat jede Branche ihre eigenen Problemzonen“, sagt Claudia Köhler Emmert. Das kann Kinderarbeit sein, Korruption, illegale Beschäftigung, unfaire Gehaltsstrukturen, Umweltverschmutzung, Tierversuche und so weiter. Dabei geht es der Verfasserin nicht um pauschale Kapitalismuskritik, nicht um rechte oder linke Positionierungen. „Ethik ist praktische Philosophie.“
Doch auch eine praktische Philosophie ist zunächst Philosophie und braucht eine theoretische Grundlage. So gründet Claudia Köhler Emmert ihre Arbeit auf dem St.Galler Ansatz der Integrativen Wirtschaftsethik. In diesem Bezugsrahmen lässt sich sowohl der US-amerikanische Ethics Officer Standard, als auch das Rollenkonzept der Ethikerin in einem europäischen Konzern gut ausleuchten. Das Ergebnis sind praktische Empfehlungen für das Aufgabenprofil der vorgeschlagenen neuen Funktion der Unternehmensethikerin und der Ethikarbeit von Unternehmen generell.
Damit vertritt Claudia Köhler Emmert einen Ansatz, der in Deutschland noch wenig verbreitet ist. Sie sieht aber auch, dass es ethisch reflektiertes Handeln nur dann in den Unternehmen geben wird, wenn es die Leitung wirklich will, sich bemüht, selbst vorbildlich zu handeln und nicht nur einen „Alibi-Ethiker“ für das bessere Image sucht. Ethik gehört ihrer Meinung nach als fester Bestandteil in das Wirtschaftsstudium, damit die Unternehmer von morgen die Bedeutung wirtschaftsethischer Fragen schon in ihrer Ausbildung erkennen.
Nach der akademischen Beschäftigung mit diesen Fragen wird die Autorin nun wieder in die Praxis wechseln.
Claudia Köhler Emmert
Unternehmensethiker – Schrittmacher zum legitimen Erfolg
Profil einer neuen Managementfunktion
„St.Galler Beiträge zur Wirtschaftsethik“ Band 38
317 Seiten
EUR 45,-/CHF 68,- (zzgl. Versandkosten)
ISBN-10 3-258-07068-7
MAO, Management-Andragogik und Organisationsentwicklung, rezensiert:
„Das Thema hat strategische Bedeutung, weil es die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen berührt und weil durch die Auseinandersetzung mit Werten eine kulturelle Erneuerung in einem Unternehmen eingeleitet werden kann.“
(MAO, Management-Andragogik und Organisationsentwicklung; 28. Jg., Nr.3/2006 S. 63)