Chonburi > 166 Baht pro Tag - das ist der gesetzliche Mindestlohn in Chonburi, einem Ort in Thailand. Interessiert hätte die Menschen in Europa diese Nachricht wohl kaum, würden dort nicht die Spielbälle der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2006 ™ genäht. Produziert wird im Auftrag von adidas durch die einer japanischen Unternehmensgruppe gehörende Firma Molten. Mit durchschnittlichen Löhnen von 260 Baht (für unbefristet Angestellte) bzw. 173 Baht (für befristet Angestellte) pro Tag plus monatlicher Zusatzprämien liegen die Löhne der fast 1.000 Beschäftigten von Molten über dem gesetzlichen Minimum. Zu wenig ist es dennoch - so sieht es ein am Wochenende veröffentlichter Bericht der Thai Labour Campaign (TLC) und der Clean Clothes Campaign (CCC, Kampagne für Saubere Kleidung) unter dem Titel “Das Leben von Arbeitnehmern in Fußballfabriken in Thailand”.
100 Thai Baht, das sind umgerechnet 2,06 Euro. Arbeiter mit einem Tageslohn von 200 Bath gehen also mit 5 Euro in der Tasche nach Hause. Die CCC rechnet vor, was ein Arbeitnehmer dafür kaufen kann: ein Kilo Saisonobst für 45 baht, als Dessert eine Packung mit klebrigem Reis und Mango für 20 Baht, zwei Schüsseln Reis für 25 Baht sowie 600 Gramm Trauben für 110 Baht.
Nun werden viele von uns mehr als 5 Euro alleine für die Speisen und Getränke ausgeben, die wir während oder nach einem Weltmeisterschaftsspiel zu uns nehmen. Da regt sich spontan das schlechte Gewissen. Und am einfachsten wäre es, einen Schuldigen für die geringen Arbeitslöhne in Thailand zu finden. Ist es die thailändische Regierung, die solche niedrigen Mindestlöhne festsetzt? Oder der Arbeitgeber, Molten? Oder der Auftraggeber, adidas? Oder - und soweit denkt dann mancher Zeitgenosse nicht mehr - sind wir es, die Kunden, mit unseren ständigen Preisvergleichen und der Suche nach dem Schnäppchen? Wettbewerb herrscht überall - nicht nur auf dem Fußballplatz: Die Globalisierung der Weltwirtschaft führt zu einer Arbeitsplatzabwanderung aus Westeuropa, und auch die asiatischen Länder stehen miteinander im Wettbewerb.
Aber zunächst einen Schritt zurück: Die Suche nach einem Schuldigen setzt voraus, dass es etwas zu beklagen gibt. Die Löhne in Thailand sind für unser Verständnis sehr gering, aber sie sind existenzsichernd. Und Länder wie Thailand befinden sich in der Entwicklung. Eine zentrale Frage ist deshalb, welchen Beitrag Unternehmen wie adidas für die zukünftige Entwicklung des Landes, seiner Wirtschaft und Gesellschaft leisten. Diese Frage ist auch an die Clean Clothes Campaign zu richten. Infrastrukturentwicklung, die Entwicklung von Bildungseinrichtung und sozialen Sicherungssystemen setzt Kapital voraus, wie es durch ausländisches unternehmerisches Engagement ins Land kommt. Und internationale Unternehmen können durch die Gestaltung ihrer Arbeitsverträge bzw. die Verträge mit ihren Zulieferern ein Beispiel für Corporate Social Responsibility setzen. “Bei unserem Besuch konnten wir feststellen, dass er [der Zulieferbetrieb Molten, Anm. d. Red.] die hohen sozial-ökologischen Standards, die bei adidas gelten, erfüllt. So gibt es eine Krankenversicherung, Altersvorsorge und eine Arbeitnehmervertretung”, stellt die Stiftung Warentest in einem aktuellen Test zu den CSR-Produktqualitäten von Fußbällen fest (Heft 6/2006).
Unternehmen sind ein Teil der Zivilgesellschaft. In einem “global village” wäre es zu einfach, die Verantwortung für Lebens- und Produktionsbedingungen in einer Region alleine auf Arbeitgeber zu verlagern. Politische Entscheidungen setzen einen Gestaltungsrahmen - etwa durch die Festlegung von Mindestlöhnen und Sozialstandards. Europäische Kunden gestalten mit, indem sie ethische Gesichtspunkte bei ihren Kaufentscheidungen berücksichtigen. Bildung, soziale Absicherung und freie Entfaltung der Persönlichkeit sind hohe Güter, die nur durch ein Zusammenwirken aller Beteiligten in der Zivilgesellschaft erreicht werden können. Wenn die Thai Labour Campaign tatsächlich, wie adidas beklagt, im Vorfeld der Berichterstattung die Chance zu einem Austausch ungenutzt lies, wäre das ein Schritt in die falsche Richtung. Die Fußballweltmeisterschaft wird am Sonntag enden. Zu hoffen bleibt, dass uns Westeuropäer die Situation der Menschen in Thailand auch danach noch interessiert.