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Grenzüberschreiter - ein Interview mit Dr. Alexandra Hildebrandt, Leiterin Kommunikation Gesellschaftspolitik der KarstadtQuelle AG
Posted By Achim Halfmann (CSR NEWS) On June 23, 2006 @ 5:33 am In +Businesses & Consultants, +german, Arcandor AG | Comments Disabled
Dr. Alexandra Hildebrandt, geb. 1970, studierte Literaturwissenschaft, Psychologie und Buchwissenschaft. Konzerntätigkeiten und Lehraufträge in den Bereichen Bildungs- und Kommunikationsmanagement. Seit Januar 2006 leitet sie den Bereich Kommunikation Gesellschaftspolitik im KarstadtQuelle-Konzern (Schwerpunkt CSR).
Sie ist erfolgreiche Publizistin zahlreicher Sachbücher. Jüngste Veröffentlichung: „Die Spur des Grenzgängers. Leben als Passion“ (Junfermann Verlag, 2006). Zahlreiche Beiträge für Funk und Fernsehen.
Ein Interview von Michael Fromm.
Seit Januar leiten Sie im KarstadtQuelle-Konzern den Bereich Kommunikation Gesellschaftspolitik. Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit dort ist „Corporate Social Responsibility (CSR)“. Was genau ist darunter zu verstehen?
Mit CSR stellt ein Unternehmen für jeden sichtbar unter Beweis, dass sein Geschäft in ethischer, ökologischer und sozialer Hinsicht verantwortlich geführt wird. Viele Unternehmen verwenden auch den Begriff „nachhaltiges Wirtschaften“. So weiß der Kunde, der bei uns einkauft, dass er Produkte erwarten kann, die unter akzeptablen Umweltschutz- und Sozialbedingungen produziert wurden. Als Mittler zwischen Industrie und Verbraucher ist KarstadtQuelle gefordert, einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung zu leisten, der sowohl soziale als auch ökologische und ökonomische Aspekte enthält. Der Handelskonzern gehört zum Beispiel zu den Mitinitiatoren des Rugmark-Siegels und unterstützt seit Jahren aktiv das Produktangebot von TransFair.
Was bedeutet das für Sie persönlich – kommen hier Beruf und Berufung zusammen?
Ja, unbedingt. Ich habe sehr früh gelernt, dass es gut ist, die Dinge vom Ende her zu sehen. Diese Perspektive schafft „Sinn“ und jede Erfahrung, jede Stufe, jede Begegnung erschließt sich zu einem Ganzen. So ist es auch mit meinem gegenwärtigen „Beruf“, der sich aus vielen Berufen und Wegstrecken zusammensetzt. Als überzeugte Geisteswissenschaftlerin bin ich nach der Promotion zu einem internationalen Baustoffhersteller gegangen, bei dem ich fünf Jahre lang die interne Kommunikation leitete. Bei KarstadtQuelle habe ich nun die Möglichkeit, das „Handwerk der Industrie“ mit dem „Werkzeug der Kultur“ zu verbinden. Das ist für mich berufliche Erfüllung: in einer Sache aufzugehen und die eigene Tätigkeit als Berufung zu empfinden.
Was ist das Besondere an dieser Tätigkeit?
Die Arbeit reicht sehr weit ins Private hinein. Es ist kaum möglich, beides auseinander zu halten. Die Fragen der Konsumenten, die bei KarstadtQuelle einkaufen, interessieren auch mich als Kunden: Was steckt hinter den Produkten? Wo kommen sie her? Unter welchen Bedingungen wurden sie gefertigt? Was ist fairer Handel, und was sind fair gehandelte Produkte? Das Interessante an meiner Tätigkeit ist, an verschiedenen Prozessen und Wertschöpfungsketten teilzuhaben und mit unterschiedlichsten Menschen aus verschiedenen Kulturen zu kommunizieren – eine spannende Grenzüberschreitung.
Warum erfährt der interessierte Kunde bislang so wenig über die „praktizierte Nachhaltigkeit“? Wäre das nicht ein wunderbares Argument für den „bewussten Kunden“?
Der Kunde muss auch wissen „wollen“. Schon Fontane sagte: „Man sieht nur, was man weiß.“ So ist es auch hier: Er kann sich über das Nachhaltigkeitsengagement in der Presse und im Internet informieren, aber auch direkt in den Karstadt Warenhäusern, wo zum Beispiel seit 1993 in den Lebensmittelabteilungen entsprechende Produkte aus dem Fairen Handel angeboten werden. Seit dem Jahr 2000 bietet Karstadt Gartenmöbel aus Tropenholz mit FSC-Siegel an und ist Mitglied der Gruppe 98, einem Zusammenschluss von Wirtschaftsunternehmen, die unter der Moderation vom WWF Deutschland Holz(produkte) aus nachhaltiger Waldwirtschaft fördern wollen. Auch der Arten- und Tierschutz wird bei der Umsetzung von Sozial- und Umweltstandards berücksichtigt. KarstadtQuelle veröffentlicht außerdem regelmäßig einen Nachhaltigkeitsbericht, in dem der interessierte Kunde einen Überblick über sämtliche Initiativen erhält. Zur „praktizierten Nachhaltigkeit“ gehört auch, dass sie so etwas wie eine „leise Selbstverständlichkeit“ und kein Marketinginstrument ist. Den Satz „Tue Gutes und rede darüber.“ möchte ich deshalb gern ergänzen: „Tue Gutes und lass andere möglichst gut darüber reden.“
Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit Sie erfüllt arbeiten können?
Ich habe vor allem gute Vorgesetzte, die mir großen Handlungsspielraum und mich „machen“ lassen. Erst unter dieser Voraussetzung kann die eigene Effektivität voll zur Entfaltung kommen. KarstadtQuelle ist auch Mitglied der Gemeinschaftsinitiative „Business Social Compliance Initiative“ (BSCI), die unter dem Dach des europäischen Außenhandelsverbandes FTA (Foreign Trade Association) entwickelt wurde. Die hier vertretenen europäischen Handelsunternehmen haben entschieden, bis Ende 2007 in den wachstumsstarken, exportorientierten Ländern Asiens und Osteuropas ihre Lieferanten der Branchen Textil, Sportartikel und Spielwaren im Hinblick auf die Einhaltung sozialer Mindeststandards zu überprüfen.
Gibt es ein „Rezept“, die Verbandsarbeit Ihres Unternehmens sowie Konkurrenten, Kritiker und Wegbegleiter unter einen Hut zu bringen?
Ein „Rezept“, das allen passt und „schmeckt“, gibt es sicherlich nicht. Aber das ist auch nicht das Entscheidende: Letztlich kommt es immer auf die Menschen an, und wie man mit ihnen umgeht – gerade weil wir alle so verschieden sind und uns nicht ausweichen können. Zudem sollte nie vergessen werden, dass jeder Mensch die gleiche Wertschätzung verdient. Wichtig ist auch Offenheit, denn nur dadurch können Chancen wahrgenommen werden. Das gilt übrigens für alle Bereiche: Jeder, der sich sperrt, verbraucht unnötig viel Energie, um etwas zu bewegen. Also nutze ich die Offenheit, um Brücken zwischen gemeinsamen Möglichkeiten zu bauen. Allerdings kann sich Energie nicht ohne Begeisterung entfalten.
Gilt das auch für die Kritiker des Unternehmens?
Gemeinsam mit Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften, Unternehmensvertretern und Wissenschaftlern nehmen wir regelmäßig an den von der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) initiierten internationalen Runden Tischen teil, um Erfahrungen auszutauschen und neue Projekte zu verabschieden. Insofern gilt das „Brücken bauen“ auch für unsere Kritiker, die zum Teil an den Runden Tischen vertreten sind. Allerdings müssen auch bestimmte Voraussetzungen gegeben sein, um miteinander ins Gespräch zu kommen und Vertrauen aufzubauen: gegenseitige Offenheit und das Wahren der „Gürtellinie“. Nur so kann man sich auf Augenhöhe begegnen. Auch für den Bereich Gesellschaftspolitik gilt, dass Erfolg von der Qualität des menschlichen Umgangs abhängt.
Was können Sie von Ihren Kritikern lernen?
Wenn sich der Gegenstand der Kritik auf der Sachebene bewegt: alles! Erst Kritik bringt Dinge in Bewegung. Es ist wie mit negativen Erfahrungen, die sicher jeder von uns einmal gemacht hat: Sie versetzen uns einen Stoß, bringen uns zum Nachdenken und führen zu Veränderungen. Aber auch hier gilt wieder: Kritik ist nur dann fruchtbar, wenn sie auf Offenheit stößt. Am schönsten wäre es, den Kritiker von gestern zum Fürsprecher von morgen machen. Das Wort Um-Gang umschreibt am besten, wie es gehen könnte: Wenn beide Seiten ihren Stand-Punkt verlassen und den Mut haben, auch einmal in den Schuhen des Anderen zu gehen.
Was bedeutet Ihnen Teamwork?
Die Zusammenarbeit im Team, das „Abholen“ von Menschen erzeugt mehr Energie, die sich im gemeinsamen Tun potenziert. Energien, die im „Kampf“ verbraucht werden, sind unwiederbringlich verloren. Der wahre Vorteil liegt in der Bündelung der Kräfte. Deshalb bringe ich gern Menschen zusammen, die für die gleiche Sache „brennen“ und Enthusiasmus ausstrahlen, von dem andere angesteckt werden. Um bei diesem Bild zu bleiben: Eine Kerze vermindert nicht das eigene Feuer, wenn sie auch anderen Kerzen ihr Licht gibt. Das gilt ebenso für Ideen und deren Umsetzung. „Herrschaftswissen“ ist mir zutiefst suspekt – genauso wie die Menschen, die darauf sitzen. Wer nicht teilt, wird irgendwann allein auf seiner Scholle sitzen – innerlich vertrocknet genauso wie das Wissen, das er festhalten wollte. Wissen und Geld haben eines gemeinsam: Es ist wertlos, wenn es nicht in Umlauf gebracht wird.
Welche persönlichen Voraussetzungen müssen für das Ausüben Ihrer Tätigkeit gegeben sein?
Es ist wichtig, feine Antennen für Menschen und deren Umfeld zu haben, aber auch Mut, für seine eigenen Überzeugungen einzustehen, auch dann, wenn es zuweilen einen langen Atem braucht – darin liegt zugleich die Quelle von Kreativität und Innovation. Ebenfalls wichtig sind Neugier, Bescheidenheit sowie die Bereitschaft, Anerkennung zu teilen und eingefahrene Gleise zu verlassen. Das ermöglicht mir, unbedenklich Grenzen von Disziplinen und Organisationen zu überschreiten.
Sie bezeichnen sich selbst als Grenzgängerin und haben sich in Ihrem Buch „Die Spur des Grenzgängers“ ausführlich mit diesem Typus beschäftigt. Was macht ihn aus?
Der Grenzgänger hat einen beweglichen Geist, ist neugierig und unbefangen, intuitiv, kreativ, risikofreudig, oft sprühend und mitreißend, er denkt vernetzt, macht aus seiner Schwäche eine Stärke, hat eine grobe Ahnung von dem, wie etwas gehen könnte, ist spontan, liebt die Improvisation und den Neubeginn, steht immer wieder auf, wenn er fällt und lernt daraus. Er begreift Krisen als Herausforderung, entdeckt im Möglichen das Ungewöhnliche, bricht mit alten Gewohnheiten und kann sich ohne Vorbehalte auf Neues, Unbekanntes einstellen.
Kann ein Grenzgänger besser auf Veränderungen reagieren als jemand, der in starren Strukturen verhaftet ist?
Die Frage lässt sich mit einem klaren „Ja“ beantworten. Veränderung und „Erfolg“ sind übrigens eng miteinander verbunden: Im Hebräischen heißt das Wort für Erfolg „hazlacha“ („überqueren“). Wer einen Fluss, der ja selbst dynamisch ist, von einem Ufer zum anderen Ufer überquert, also von A nach B gelangt, ist erfolgreich. Ziel ist das andere Ufer: Neuland. Wer es betreten will, muss auch Mut haben und bereit sein, den Sprung ins Unbekannte zu wagen.
Wie schaffen Sie den „Sprung ins Unbekannte“?
Indem ich meine Angst als „Sprungbrett“ nutze, denn der Weg ist immer da, wo die Angst ist. Außerdem „trägt“ mich die Gewissheit, dass alles, was mir bei dieser Überschreitung widerfährt, einen Sinn hat, und dass ich am Ende gehalten werde (selbst auf die Gefahr des Scheiterns hin). Am Anfang steht allerdings der Schweiß als die „Träne der Arbeit“ (Peter Hille) und die Freude an dem, was ich tue.
Was ist die wichtigste Aufgabe, die Sie in den nächsten Tagen und Wochen anpacken werden?
Die wichtigste Aufgabe wird sich mir zeigen – ich lasse die „Dinge des Lebens“ auf mich zukommen und entscheide im jeweiligen Augenblick, was gerade wichtig ist. Das kann eine berufliche Herausforderung sein oder ein Mensch, der mich gerade braucht. Ohne anvisiertes Ziel können wir uns zwar nicht bewegen, aber der Weg dorthin darf nicht verstellt sein. Ohne diese innere Freiheit würde ich mich selbst blockieren.
Das betrifft auch mein nächstes Buchprojekt zum Thema “Grenzüberschreiter” – um dieses Ziel festzuhalten, muss ich es allerdings loslassen und auch warten können, bis sich die Dinge von selbst fügen. Im Mittelpunkt stehen wieder Menschen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Sport, die mit Leidenschaft quer denken und handeln, Lust am Wagnis haben, das Risiko und die Spannung lieben. Dabei geht es immer um den Versuch, die Grenzen des Möglichen auszuloten – gemäß Goethes Diktum: „Niemand weiß, wie weit seine Kräfte gehen, bis er sie versucht hat.“
Das Interview ist erschienen auf: [1] http://www.innovativ-in.de
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