Genf > Auf der Weltgesundheitsversammlung der WHO vom 22. bis 26. Mai in Genf ist eine heftige Debatte über die Zukunft von essentieller Forschung und Entwicklung im Gesundheitsbereich zu erwarten. Ausgangspunkt ist eine Resolution von Kenia und Brasilien, die einen grundlegenden Richtungswechsel in der Gesundheitsforschung vorschlägt. Sie fordern ein globales Rahmenprogramm, das die Prioritäten bei Forschung und Entwicklung zugunsten öffentlicher Gesundheitsinteressen setzt und dabei insbesondere die Bedürfnisse der Menschen in den armen Ländern berücksichtigt.
„Es gibt gegenwärtig kein System, das die Forschung und Entwicklung von lebensnotwendigen Medikamenten insbesondere für nichtzahlungskräftige Patienten sicher stellt“, so Thomas Gebauer, Geschäftsführer der Frankfurter Hilfsorganisation medico international. Bislang setze man auf Patente, die die finanziellen Anreize für Innovationen sicherstellen sollen. Tatsächlich aber werden die Gesundheitsinteressen von Millionen Menschen in dieser auf Privatisierung setzenden Forschungs- und Entwicklungspolitik unberücksichtigt gelassen. Der Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten werde durch die im Rahmen der WTO vereinbarten Trips-Regelungen sogar noch erschwert. „Gesundheit ist zu einem Anhängsel der Wirtschafts- und Handelspolitik geworden“, so Thomas Gebauer. Nicht die WHO, sondern die WTO bestimme die globale Gesundheit.
Die BUKO-Pharma-Kampagne teilt dazu folgende Zahlen mit: Für 90% der weltweiten Krankheitslast werden nur 10% der Forschungsausgaben aufgewendet (so genannte 10/90 Lücke). Zwischen 1975 und 2004 wurden weltweit 1.556 neue Medikamente entwickelt. Davon waren nur 20 Medikamente zur Behandlung tropischer Krankheiten und Tuberkulose geeignet. Das sind nur 1,3%, jedoch sind diese Krankheiten für 12 Prozent der weltweiten Krankheitslast verantwortlich. Aber auch im Prinzip verfügbare Medikamente, z.B. zur Behandlung von HIV/AIDS, sind wegen der hohen Kosten für einen Großteil der Menschheit nach wie vor unbezahlbar.
Beide Initiativen bedauern, dass eine Kenia-Brasilien-Initiative, die der Politik mehr Gestaltungsspielraum zugunsten von Millionen armer Menschen sichern soll, von der Bundesregierung abgelehnt werde. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt begründete die Ablehnung in einem Brief an medico international mit dem Hinweis, dass es angesichts unterschiedlicher Systeme in den einzelnen Ländern keine globalen Regelungen geben könne. „Das sagt die Vertreterin einer Regierung“, so Thomas Gebauer, „die ansonsten keinen Zweifel daran lässt, wie sehr ihr an den globalen WTO-Regeln und TRIPS-Abkommen zum Schutz von Pharmapatenten gelegen ist.“
medico international und die BUKO-Pharma-Kampagne fordert die Bundesregierung auf, die Kenia-Brasilien-Initiative zu unterstützen.