Münster > Arbeiterinnen und Arbeiter des Textilproduzenten Hermosa Manufacturing in El Salvador litten jahrelang unter massiven Arbeitsrechtsverletzungen. Als die Betroffenen allen Mut zusammen nahmen und im Mai 2005 eine Betriebsgewerkschaft gründeten, wurden sie von der Arbeit suspendiert. Das berichtet die Christliche Initiative Romero. Die Angelegenheit gewinnt dadurch an Brisanz, dass der Betrieb über mehrere Jahre als adidas-Zulieferer tätig war. “adidas hat eine Verantwortung für uns Arbeiterinnen. Wir haben jahrelang für adidas genäht. Seit nun zehn Monaten stehen wir ohne Einkommen da und wissen nicht, wie wir unsere Familien satt bekommen sollen. Und das nur, weil wir unser Recht wahrgenommen haben, uns in einer Gewerkschaft zu organisieren“, so die Sprecherin der Hermosa-ArbeiterInnen Estela Ramirez, die in Hermosa bis zur Schließung arbeitete.
Seit 2000 machte die Clean Clothes Campaign (Kampagne für ‘Saubere’ Kleidung - CCC) adidas auf die Missstände in Hermosa aufmerksam. Nun soll der Konzern in einen Entschädigungsfonds einzahlen. “Unser Hebel ist die Angst der Konzerne um ihr Image“, so Maik Pflaum von der CCC-Trägerorganisation Christliche Initiative Romero. “Während adidas Millionen für das Marketing und den Titel ‘Hauptsponsor der WM’ investiert, sind die Arbeiterinnen, die weltweit für den Konzern nähen, zu einem Leben in Armut verdammt.”
Solche finanziellen Forderungen hält adidas allerdings für unberechtigt: Der Bekleidungshersteller Hermosa hat als Unterauftragnehmer eines Hauptlieferanten in El Salvador von Anfang 2000 bis Mitte 2002 für adidas Sportbekleidungsprodukte hergestellt. Aufgrund beträchtlicher Qualitätsprobleme und erheblicher Lieferverzögerungen wurde die Vergabe von adidas-Produktionsaufträgen dann vollkommen eingestellt. Von 2000 bis Mai 2002 wurden in dem Betrieb Hermosa mehrfach Inspektionen durch regionale Experten des adidas SEA-Teams durchgeführt, um die Einhaltung der adidas-Standards of Engagement hinsichtlich Sozial-, Sicherheits- und Umweltstandards zu überprüfen. Im Jahr 2002 prüften unabhängige Inspekteure der Fair Labor Association Hermosa und fanden keine konkreten Hinweise auf eine vorsätzliche Diskriminierung von Beschäftigten, die einer Gewerkschaft angehören schließen ließen, betont adidas.
Der Sportbekleidungskonzern hat sich selbst an das Arbeits- und Wirtschaftsministerium von El Salvador gewandt und gefordert, die Auslegung bestehender Arbeitsgesetze in dem Land eingehend prüfen zu lassen. Dort wird derzeit bei Betriebsschließungen die Deckung der Ansprüche der Beschäftigten aus der Vermögensmasse nicht als vorrangig angesehen - was ihre Chancen auf eine Durchsetzung dieser Ansprüche minimiert. Offensichtlich zeigte die politische Initiative des Konzerns Wirkung: Bei einem Treffen mit den obersten Regierungsvertretern von El Salvador am 4. April 2006 wurde zugesichert: Ab Anfang April übernehmen die Sozialversicherungsbehörden die Kosten der Krankenversicherung für alle Beschäftigten des Betriebs Hermosa für die Dauer von maximal einem Jahr bzw. für die Zeitdauer, bis die Beschäftigten eine reguläre Anstellung bei einem anderen Betrieb erhalten haben. Das Arbeitsministerium will kurzfristig eine “Jobbörse” in der Region organisieren, die bevorzugt die Arbeiterinnen und Arbeiter von Hermosa in andere Betriebe vermitteln soll. Die Regierung hat finanzielle Mittel in Höhe von 2,5 Millionen US-Dollar zur Verfügung gestellt, um die derzeitige Anzahl von Arbeitsinspekteuren im Land zu verdoppeln. Einer Wiedereröffnung der Fabrik Hermosa und einer Weiterbeschäftigung der Arbeitsnehmer gibt adidas aufgrund der Zahlungsunfähigkeit und der hohen Verschuldung des Eigentümers sowie der Abtretung seiner Vermögensgegenstände an die Banken keine Chance.