Berlin, Jena, Frankfurt > In den Niederlanden wird mit viel Erfolg “Marktplatz-Methode” (”Beursvloer”-Methode) praktiziert: Ein solcher Marktplatz bringt die Nachfrage nach Unterstützung von gemeinnütziger Seite und die entsprechenden Kooperationsangebote der Unternehmensseite an einem Ort zusammen. Was sich in den Niederlanden bewährt hat, soll nun in einem Projekt der Bertelsmann-Stiftung auch in den deutschen Städten Frankfurt am Main, Kassel und Jena Wirklichkeit werden. “In Deutschland besteht ein großes Interesse an der Anbahnung solcher Partnerschaften“, sagt Projektleiter Dr. Gerd Placke von der Bertelsmann Stiftung. Allerdings fehle der politische Wille, solche Kooperationen nachhaltig zu fördern.
Für das große Interesse sprechen auch die 26 eingegangenen Bewerbungen für das Bertelsmannprojekt. In dem Auswahlverfahren setzten sich “Büro Aktiv” in Frankfurt, das “FreiwilligenZentrum” in Kassel und die “Bürgerstiftung Zwischenraum” in Jena durch. Diesen Initiativen bietet die Stiftung für ihr jeweiliges Marktplatzvorhaben eine fundierte fachliche Hilfestellung sowie Unterstützung bei der Gewinnung von Akteuren aus der Wirtschaft und in der Öffentlichkeitsarbeit. Aus den dort gewonnenen Erfahrungen soll ein Leitfaden erstellt werden, an dem sich Organisationen in anderen Städten Deutschlands orientieren können.
Doris Voll ist stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Bürgerstiftung Zwischenraum in Jena. Viele gemeinnützige Einrichtungen die Bandbreite der Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit Wirtschaftsunternehmen noch nicht für sich erkannt, meint sie. Mit der Methode will sich die Bürgerstiftung als kompetenter Partner im Vermitteln von Kontakten und im Vernetzen zwischen gemeinnützigen Organisationen und der Wirtschaft etablieren - und nicht als Konkurrenz empfunden werden.
Doris Voll berichtet: “Wir haben kleinere und mittlere Unternehmen als Stifter gewinnen können und wir arbeiten intensiv mit einer Bank zusammen, die uns in erster Linie mit ihrem Know-How unterstützt. Wir haben außerdem in verschiedenen Bereichen, zum Beispiel bei einer Präsentation unter dem Motto ‘100 Freiwillige für Jena’ in der Goethe Galerie mit Unternehmen zusammen gearbeitet, die diese Präsentation unterstützten. Die Zusammenarbeit mit der Jenoptik AG bei der Organisation unserer ersten beiden Freiwilligentage gehört ebenfalls zu unseren Erfahrungen. Ganz besonders spannend wird ein neues Projekt, das wir im Moment gemeinsam mit einem Wohnungsbauunternehmen vorbereiten. Hier geht es um die Aktivierung bürgerschaftlichen Engagements in sozialen Brennpunkten. Unabhängig davon arbeiten wir mit mehreren Unternehmen zusammen, die uns immer wieder mit Sach- oder Geldspenden unterstützen. Wir erleben eine recht große Offenheit bei Unternehmen, sehen jedoch auch deren begrenzten Möglichkeiten. Oft stehen die Unruhe und die Unsicherheit in gemeinnützigen wie auch in wirtschaftlichen Organisationen einer längerfristigen Partnerschaft im Wege.”
Die Bürgerstiftung Zwischenraum möchte die Marktplatz-Methode gemeinsam mit der Fachhochschule Jena und in deren Räumlichkeiten durchführen. Derzeit wird ein Konzept erstellt.
In Frankfurt ist das BüroAktiv im Bürgerinstitut seit 1992 als Freiwilligenagentur und Seniorenbüro tätig. BüroAktiv sieht sich als Entwicklungsagentur für bürgerschaftliches Engagement – für Einzelpersonen und für Unternehmen im Sinne von Corporate Volunteering. Im Jahr 2005 wurden im BüroAktiv 442 Interessenten/innen zum freiwilligen Engagement beraten und 12 Unternehmenseinsätze mit insgesamt 150 Mitarbeitern vermittelt, begleitet und ausgewertet. Einsatzbereiche waren einmalige Garten- und Renovierungsarbeiten und kontinuierliche Angebote wie ein PC-Unterricht für Kinder einer Kindertagesstätte oder Begegnungen in einer Einrichtung für Wohnsitzlose). So bildeten sich verlässliche Beziehungen zu Unternehmen, die sich über die Vermittlung durch das BüroAktiv engagiert haben. Auf regionaler und Bundesebene ist das BüroAktiv in Netzwerken und Arbeitsgruppen zum Thema „Unternehmensengagement“ aktiv: in der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen bagfa und der Initiative Unternehmen: Partner der Jugend (UPJ).
“Die Marktplatzmethode ist aus unserer Sicht eine ideale Ergänzung zu den bisherigen Aktivitäten im Bereich Unternehmensengagement” betont Martin Berner von BüroAktiv. Und er verweist zum Beispiel auf die Zusammenarbeit mit einer internationalen Investmentbank. Viele Mitarbeiter der Bank unterstützten die alljährliche Aktion “Weihnachtsgeschenke für Frankfurter Kinder” und helfen bei der Vorbereitung und Durchführung eines großen Familienfestes aus Anlass des Weltkindertages. Daraus entstand ein Kontakt zu einer Kindertagesstätte in Frankfurt, deren Kinder die Bank jährlich zu einem großen Ausflug einlud.