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CSR in Indien - gesellschaftliche und soziale Herausforderungen


Friday, March 3rd, 2006


Corporate Social Responsibility (CSR) ist in Indien kein Fremdwort. Der Textilunternehmer in Bangalore versteht darunter vor allem die Einhaltung von Arbeitsnormen, der Dozent am Business-College in Pune verweist auf die Zukunftsfähigkeit der indischen Gesellschaft. Es entstehen Initiativen wie “Kar CSR” im Bundesstaat Karnataka (Bangalore). Dass CSR in Indien an Bedeutung gewinnen wird, darin sind sich die Experten einig: Da sind die multinationalen Unternehmen und die vielen mittelständischen Unternehmen mit einem Standbein in Indien, die den CSR-Standards in ihrer Heimat verpflichtet sind. Da ist die wachsende Sensibilität der westlichen Konsumenten für die Bedeutung der Supply Chain. Da sind die Normen der Europäischen Union und der International Labour Organisation und da sind - nicht zuletzt - indische Parteien und Regierungen, die verstanden haben: Ohne die Beteiligung der Gesellschaft sind die großen sozialen Herausforderungen Indiens unlösbar. Und wer die Beteiligung der Gesellschaft will, muss deregulierend tätig sein und geeignete Rahmenbedingungen schaffen. Eine besonnen handelnde Bundesregierung und ein stabiles Wirtschaftswachstum von über 7%, die wachsenden internationalen Verpflechtungen, das Vertrauen der Weltwirtschaft in die Stabilität Indiens und eine erstarkende Bürgergesellschaft bilden den Hintrgrund, auf dem sich das Land auch seinen tiefgreifenden sozialen Problemen stellen muss.

Die Herausforderungen, die sich gesellschaftlich verantwortlich handelnden Unternehmen auf dem Subkontinent mit über einer Milliarde Menschen stellen, sind groß. Public integration Geschäftsführer Achim Halfmann erlebte sie in den zurückliegenden Wochen hautnah mit:

Bildung

In Indien besteht ein Netz von über 6.000 Colleges und 210 Universitäten. Die Zahl der Studierenden steigt deutlich. IT-Studiengänge, Business- und Ingenieurstudiengänge sind sehr beliebt. Die indischen Colleges und Hochschulen ziehen zugleich viele ausländische Stundenten an, die in westlichen Ländern keine Studienzulassung mehr erhalten.

Die schulische Grundbildung ist frei, und die Regierung ist um eine Alphabetisierung der gesamten Bevölkerung bemüht. In der Praxis zeigt sich jedoch das Problem, dass Eltern keinen Sinn in der schulischen Ausbildung ihrer Kinder sehen, und so bleibt ein erheblicher Teil der Kinder ohne Schulbildung und ohne Schulbesuch - auch in den Städten.

Anspruch, Wirklichkeit und die Korruption

In Indien fällt auf, wie sehr Anspruch und Wirklichkeit in vielen Bereichen gesellschaftlichen Lebens auseinander fallen. Dies gilt in hohem Maße für das Kastensystem, das offiziell abgeschafft ist, jedoch immer noch das ökonomische und soziale Leben des Landes bestimmt. Indien hat sich verfassungsmäßig als Wohlstandsstadt organisiert. So besitzen etwa werdenden Müttern einen Anspruch auf kostenlose Vorsorgeuntersuchungen. Die Wirklichkeit in großen Städten sieht jedoch so aus: Interessierte Frauen müssen eine lange Warteliste in Kauf nehmen und für die Untersuchung ein Schmiergeld zahlen.

Korruption durchdringt wie ein lähmendes Geschwür alle Bereiche gesellschaftlichen Lebens. “Der Fisch stinkt vom Kopf her”, betonen viele indische Gesprächspartner. Vereinzelt finden sich Hinweise einer Korruptionsbekämpfung. Ansonsten soll in manchen Verwaltungen der Satz gelten: Wer nicht mitmacht, der wird ausgewechselt.

Gesundheitswesen

Unter- und Fehlernährung, schlechte Trinkwasserversorgung, mangelhafte hygienische Verhältnisse, eine hohe Schadstoffbelastung der Luft und ein enormer Lärmpegel (vor allem in den Städten) belasten die Gesundheit der Menschen erheblich. Nach den starken Regenfällen im Monsun treten häufig Epidemien auf, da dann alle Kanalsysteme überspült sind und sich der Unrat in den Städten verteilt. Eine medizinische Versorgung steht selbst in den Städten nur einem geringen Teil der Menschen zur Verfügung. Das Land verfügt über eine ausreichende Anzahl an Medikamenten, jedoch scheitert die bedarfsgerechte Verteilung.

Soziale Absicherung

Etwa 300 Millionen Inder müssen mit einem Einkommen von weniger als einem Dollar pro Tag auskommen. Kosten der Krankenbehandlung werden bei berufstätigen Indern und deren Familien in der Regel vom Arbeitgeber übernommen. Eine krankenversicherungsähnliche Absicherung für Arbeitslose fehlt. Ebenso ist die Versorgung der Rentner in der Praxis nicht durchgehend geregelt. Ein Teil der Arbeitnehmer ist durch einen “Provident Pund” abgesichert. Derzeit werden Lebensversicherungen und Pensionsfonds für wohlhabende Inder stark beworben. Die Wohnungsnot führt in den großen Städten zur Slumbildung:

Slums

Von den 18 Millionen Einwohnern Mumbais etwa leben schätzungsweise 50% auf der Straße oder in den Slums. Ein Großteil der Slums besteht aus illegal errichteten Hütten auf Brachlandflächen, entlang von Eisenbahnlinien oder auf Sumpfgeländen. Diese Flächen wurden von den Siedlern in Eigeninitiative entwässert, versinken während der Monsunzeit allerdings wieder im Schlamm. Familien leben dort auf sehr geringem Raum, es fehlt an sanitären Einrichtungen. Öffentliche Einrichtungen der Gesundheitsversorgung oder der Kommunikation fehlen ebenfalls. Die Slumbewohner müssen mit der Unsicherheit leben, dass ihre Hütten jederzeit geräumt werden können.

Bei den Menschen in den Slumsiedlungen handelt es sich allerdings nicht vorwiegend um “Ungebildete”; viele diese Menschen verlassen morgens ihre Slumhütten und fahren zur Arbeit ins Büro in der “City”. Andere Slumbewohner sind im informellen Sektor als “Tagelöhner” tätig. Kriminalität, Schutzgelderpressungen und Drogenkonsum wachsen gerade in den Slumregionen deutlich.

Prostitution

Die Prostitution besitzt in den großen indischen Städten eine erhebliche Bedeutung. Frauen sind in der Regel aufgrund wirtschaftlicher Not zur Prostitution gezwungen. Dies brandmarkt sie und führt zu ihrem Ausschluss aus der dörflichen Gemeinschaft. Prostituierte werden in Indien als “Sexworker” bezeichnet. Prostitution ist in Indien zwar offiziell verboten, wird jedoch allerorts geduldet. Die Frauen tragen ein erhebliches Risiko, an AIDS zu erkranken. Auch Tuberkuloseinfektionen sind unter Prostituierten deutlich häufiger als in der allgemeinen Bevölkerung. Man schätzt, dass alleine im Mumbai etwa 200.000 meist junge Frauen der Prostitution nachgehen. Der Anteil der minderjährigen Mädchen liegt dabei zwischen 40% und 50%. Mädchen werden auch in die Prostitution verschleppt und in Bordellen gegen ihren Willen gehalten. Als wichtigster treibender Faktor muss hier jedoch die wirtschaftliche Not gesehen werden. So prostituieren sich etwa verwitwete oder verstoßene Frauen, um den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder zu verdienen. Es fehlt völlig an Möglichkeiten für ausstiegswillige Prostituierte, eine alternative Beschäftigung zu finden. Dies wird für die Frauen dann zum Problem, wenn sie 30 Jahre und älter werden und ihre Einnahmemöglichkeiten in dem bisherigen Gewerbe schwinden.

Strafvollzug

Etwa 325.000 Menschen befinden sich in den 1.200 Gefängnissen Indiens. Der Anteil der Untersuchungsgefangenen liegt bei 70% und damit außergewöhnlich hoch. Die indischen Gefängnisse sind mit einer Belegungsquote von 140% deutlich überbelegt. Die Gefangenen leiden in ihren Zellenräumen unter der räumlichen Enge und schlafen oft Rücken an Rücken. Ein erheblicher Teil der Gefangenen sind wegen kleinster Delikte inhaftiert und könnte gegen eine geringe Kaution entlassen werden, wobei den Betroffenen das Geld für diese Kaution fehlt. Nach mehrjährigen Untersuchungshaftzeiten werden sie dann oft auf dem Verhandlungstermin freigesetzt. Auch der Anteil der Freisprüche soll sehr hoch liegen. Den Gefangenen wird per Gesetz die Wahrung ihrer Menscherechte garantiert. Die Praxis sieht jedoch anders aus. Es gibt wiederholt Übergriffe Bediensteter, es fehlt an sanitären Einrichtungen und ärztlicher Versorgung. Der Strafvollzug hat sich für das Engagement gesellschaftlicher Gruppen geöffnet und eine Vielzahl unterschiedlicher Organisationen besuchen die Haftanstalten. Die Bedeutung der Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wird von den Anstaltsleitungen unterschiedlich eingeschätzt und ihr Engagement unterschiedlich gefördert. Die starke Ablehnung Haftentlassener in der Gesellschaft ist für den Strafvollzug ein großes Problem. Haftentlassene Männer und Frauen werden in der Regel von ihren Familien und den (dörflichen) Gemeinschaften verstoßen, auch dann, wenn sie nur wegen Delikten wie Schwarzfahren inhaftiert waren.

Deutsche Unternehmen, die Betriebsteile oder einen erheblichen Teil ihrer Supply Chain nach Indien verlegen, werden an der Entscheidung über ihren Beitrag zu einer gelebten unternehmerischen Verantwortung in und für Indien kaum vorbei kommen. Gute Informationsquellen bieten Foren wie www.csr-asia.com oder Beratungsunternehmen wie die public integration Ltd. mit ihren lokalen Kenntnissen und Kontakten.




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Achim Halfmann (CSR NEWS)

Achim Halfmann is CSR NEWS' managing director and editor-in-chief.

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